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In St. Tönis und Neersen jagten die Karnevalistinnen die Stadtoberhäupter davon

St. Tönis und Neersen : Närrinnen ergreifen die Macht

In St. Tönis und Neersen jagten die Karnevalistinnen die Stadtoberhäupter davon.

Keine zehn Minuten hat es gedauert, da waren Bürgermeister Thomas Goßen und sein Stellvertreter Uwe Leuchtenberg die Macht los: Kinderprinzessin Daria I. entriss dem Bürgermeister den Rathausschlüssel, Prinz Silke nahm ihn gefangen und schickte das nun arbeitslose Stadtoberhaupt an die Theke im Festzelt des Tönisvorster Karnevalskomitees (TKK), in das der Bürgermeister unter einem Vorwand gelockt worden war.

Dem finalen Siegeszug der weiblichen Närrinnen waren einige Einschüchterungsversuche vorausgegangen. Zunächst mussten Thomas Goßen und Uwe Leuchtenberg mit dem Kinderprinzenpaar Daria I. und Brian I. das Sessionslied „Mit Klappertüt und Helau feiert hier der JKV“ singen. „Und jetzt möchte ich den Schlüssel haben“, forderte Daria I. im Anschluss, woraufhin die Garden des Jugendkarnevalvereins (JKV) lautstark „Gebt den Schlüssel her“ skandierten.

Aber Thomas Goßen beeindruckte das nicht. Also schaltete sich Prinz Silke ein und bat das Stadtoberhaupt um einen Tanz. Der Bürgermeister schlug sich wacker, den Schlüssel aber hielt er auch beim Tanzen fest in der Hand. „Singen könnt ihr nicht, tanzen könnt ihr nicht, dann könnt ihr uns wenigstens den Schlüssel geben“, sagte Andrea Schönen, Kommandeur der Treuen Husaren. Aber auch das nützte nichts: Ganz offensichtlich hängt der Bürgermeister an seinem Amt.

Erst als die geballte Frauenpower beherzt zugriff, gelang die Machtübernahme. Und so sind jetzt in Tönisvorst die Mädchen an der Macht, und das nicht nur an Weiberfastnacht, denn mit Prinz Silke, Bauer Erika und Jungfrau Kathrin hat die Apfelstadt zum ersten Mal ein weibliches Dreigestirn. Und das hat bei den diversen Auftritten, die die drei schon absolviert haben, bereits bewiesen, dass ein weibliches Dreigestirn mindestens so gut ist wie die männlichen Dreigestirne und die Prinzenpaare der Vergangenheit. Auch im Karnevalszelt, wo der entmachtete Bürgermeister und sein Stellvertreter traurig an der Theke standen, sorgten die Mädchen für Stimmung bei der Altweiberparty.

Es war kalt, es lag Regen in der Luft, es war Vieles wie immer bei der Schlosserstürmung um 18.11 Uhr. Im Schloss herrschte bei den Mächtigen jedoch eine gewisse Wehmut. Die hatte unter anderem Bürgermeister Josef Heyes ergriffen und den Kämmerer Willy Kerbusch, weil dies ihre letzte Schlosserstürmung in Amt und Würden war. Kerbusch erklärte, warum sie sich als Piraten verkleidet hatten: „Wir müssen noch einmal die Kasse so richtig voll machen.“ CDU-Bürgermeister-Kandidat Christian Pakusch trug als Pirat eine Augenklappe, sein Kontrahent Johannes Bäumges kam als Fußballfan mit Pumuckl-Perücke. Merlin Praetor von den Grünen hatte sich eine schwarze Lockenpracht gegönnt, CDU-Ratsherr Dieter Lambertz kam als mittelalterlicher Ratsherr.

Drei Jungs der Funkengarde Rot-Weiß der KG Schlossgeister und drei jungen Damen der Prinzengarde gelang es beim dritten Versuch, mit dem Prellbock das Portal des Schlosses Neersen zu öffnen. Foto: Wolfgang Kaiser

Die Mitarbeiter des Bereichs Zentrale Dienste um Manfred Jacobs verbreiteten folgende Botschaft auf ihren Trikots: „Egal, wer gewinnt: Die Mannschaft bleibt.“ Draußen wehte ein kalter Wind. Hans Nielbock, der Vorsitzende des Festausschusses Willicher Karneval, leitete die Erstürmung verbal ein. Prinz Andreas I. versprach unter anderem Freibier für alle. Die Jugendprinzessin Maria I. äußerte unbescheidene Wünsche wie Zuschüsse zu den Schulkiosken.

„Seid ihr alle bereit?“, fragte der Kommandeur der Prinzengarde der Stadt Willich, Uwe Arndt. Drei Jungs der Funkengarde Rot-Weiß der KG Schlossgeister und drei jungen Damen der Prinzengarde gelang es beim dritten Versuch, mit dem Prellbock das Schlossportal zu öffnen. Bürgermeister Heyes reimte: „Prinz Andreas und Prinzessin Cornelia haben uns seit Stunden in Angst und Schrecken versetzt. Wir haben gehofft, dass keiner unsere Verteidigungsstrategie verpetzt. Mit voller Kraft und unter Schweiß haben wir unsere Barrikaden gebaut und immer bedacht, dass uns keiner die Penunzen hier klaut.“ Wenig später wurde die Schatztruhe in Narrenhände übergeben.