In den vergangenen Jahren sind etliche Flüchtlinge nach Tönisvorst gekommen.

Tönisvorst : Ein Leben im Schwebezustand

In den vergangenen Jahren sind etliche Flüchtlinge nach Tönisvorst gekommen. Einige sind abgeschoben worden, manche sind weitergezogen, viele sind geblieben. Sind sie angekommen? Haben sie sich eingelebt? Guish Mogos Berhane aus Eritrea ist einer von ihnen.

Eritrea ist ein schönes Land. Es hat eine lange Küste am Roten Meer, und die Hauptstadt Asmara ist für ihre italienischen Kolonialbauten und ihre Art-déco-Bauwerke bekannt. Es gibt in dem überwiegend christlichen Land auch ägyptische und türkische Architektur, aufwendig gestaltete Kathedralen und einen Kaiserpalast. Für Guish Mogos Berhane aber ist Eritrea vor allem ein Land, in das er nicht mehr zurückgehen kann, denn neben der ganzen historischen Pracht und der hübschen Lage am Meer ist Eritrea sehr arm, extrem militarisiert, ohne freie Presse und beherrscht von einer grausamen Diktatur.

Als der heute 36-Jährige sein Land vor elf Jahren verließ, war Eritrea außerdem völlig isoliert. Es drangen keine Informationen nach draußen. Bis heute ist nicht mal bekannt, wie viele Menschen dort leben. Viele können es aber nicht mehr sein, denn Monat für Monat fliehen etwa 5000 Eritreer; rund 60.000 sind es jedes Jahr. Die meisten zieht es nach Europa. In den vergangenen zwei Jahren haben allein in Deutschland 30.000 von ihnen Asyl beantragt. Auch Guish Mogos Berhane hat in Deutschland Asyl gesucht, aber im Gegensatz zu vielen seiner Landsleute hat der Hochschuldozent eine Ablehnung bekommen.

„Ich bin 2008 mit dem Boot in Italien angekommen und dort registriert worden“, erzählt der 36-Jährige. Er kommt in eine Flüchtlingsunterkunft auf Sizilien und arbeitet als Dolmetscher, denn Mogos Berhane hat Englisch studiert, spricht Tigrinisch und Arabisch und lernt auch die italienische Sprache schnell. Für seine Arbeit aber bekommt er kein Geld. „Flüchtlinge aus Afrika sind in Italien Menschen zweiter Klasse“, sagt der Hochschuldozent. Obwohl Italien ihm Asyl gibt, geht er in die Schweiz, um dort sein Glück zu versuchen. Aber die Schweiz lehnt das Gesuch ab und schickt ihn zurück nach Italien.

Dort ist der Eritreer zwar ein anerkannter Flüchtling, aber eine Unterkunft, Geld oder Arbeit gibt es für ihn nicht. Ruhig, freundlich und in sehr gutem Deutsch erzählt Mogos Berhane seine Geschichte. Er erzählt von den zwei Wochen in einem eritreischen Gefängnis, nachdem er sich in der Hochschule von Asmara vor seinen Studenten negativ über die Diktatur geäußert hatte, von seiner Flucht durch die Wüste, von den 36 Stunden im Schlauchboot auf dem Meer, aber erst, als er von der Zeit erzählt, als er als Obdachloser in Italien leben musste, ist ihm der Schmerz anzusehen.

2012 reist der Flüchtling nach Deutschland und stellt einen Asylantrag, der abgelehnt wird. Er geht noch einmal in die Schweiz, verliebt sich in eine Frau, die ebenfalls aus Eritrea stammt, und bekommt mit ihr einen Sohn. 2014 versucht er erneut, in der Schweiz Asyl zu bekommen, wieder erfolglos. Er geht nach Italien zurück, bemüht sich, dort Fuß zu fassen, aber niemand gibt ihm eine Chance. Es ist ein Leben im Schwebezustand – nur nicht so leicht.

Seit 2016 ist Mogos Berhane wieder in Deutschland – für ihn ist es das beste Land. „Ich habe hier keine Aufenthaltserlaubnis und darf nicht arbeiten, aber ich bin trotzdem glücklich, denn Deutschland ist wunderschön. Die Menschen sind freundlich und hilfsbereit, und ich bin frei“, sagt er. Mittlerweile hat der 36-Jährige sogar einen unbefristeten Arbeitsvertrag als Erntehelfer bei einem Tönisvorster Familienunternehmen, weil er aber keine Arbeitserlaubnis bekommt, kann er die Stelle nicht antreten.

Auch für den Bundesfreiwilligendienst hat er sich beworben. Die Krefelder Tafel hätte ihn gerne genommen. Auch dieser Plan scheitert an der fehlenden Arbeitserlaubnis. Nun ist der letzte Schritt, ein Schreiben an die Härtefallkommission, negativ beschieden worden. Weil Mogos Berhane in Italien Asyl bekommen hat, soll er dort leben, heißt es.

„Ich werde jetzt zurückkehren nach Italien und versuchen, ein Arbeitsvisum für Deutschland zu bekommen“, sagt der Geflüchtete. Ob das gelingt, ist völlig offen. Darüber, wo und wie er in Italien leben soll, bis das Visum möglicherweise erteilt wird, will er lieber nicht nachdenken.

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