Tönisvorst: "Ich bin stolz, dass Du mein Vater warst"

Tönisvorst: "Ich bin stolz, dass Du mein Vater warst"

13 weitere Stolpersteine erinnern an das Schicksal der NS-Verfolgten in Vorst. Einer dieser Steine ist Johannes Bossinger gewidmet, dessen Tochter Christel Tomschak bei der Verlegung eine bewegende Ansprache hielt.

Christel Tomschak kämpft mit den Tränen. Es sind Tränen der Rührung und des Stolzes. Kurz zuvor hat der Kölner Bildhauer Gunther Demnig einen Stein ist das Pflaster gegenüber des Hauses Dellstraße 17 in Vorst gelegt. Es ist das Elternhaus von Christel Tomschak, und es ist auch das Elternhaus ihres Vaters Johannes Bossinger. Christel Tomschak war fünf Jahre alt, als zwei Polizisten den Vater aus dem Haus holten. Ein Jahr lang saß er nach dieser Nacht im Anrather Gefängnis. Eine Anklage gab es nicht, auch keine Verhandlung. Johannes Bossinger war Kommunist, war ein Andersdenkender - das reichte 1933, um ihn wegzusperren.

Seine Tochter durfte ihn einmal besuchen in diesem langen Jahr, seine Frau öfter. "Meine Mutter wurde in dieser Zeit nervenkrank", erinnert sich Christel Tomschak. Als die Mutter 1949 starb, hatte sie 32 Krankenhausaufenthalte hinter sich und eine Zwangssterilisation. Auch den Vater verlor die heute 87-Jährige früh. Er hat sich nie von den Grausamkeiten der Nationalsozialisten erholt. Seinen Willen und seine politische Überzeugung aber haben die Nazis nicht gebrochen. Johannes Bossinger engagierte sich nach 1945 wieder in der Gewerkschaft und im neuen Vorster Gemeinderat.

Jetzt erinnert ein Stolperstein an den mutigen Vorster Bürger, der sich den Nazis nicht beugte. "Für mich ist das ein großer Tag", sagt seine Tochter, ihr Vater sei ein Kämpfer für die Gerechtigkeit und für eine bessere Welt gewesen. "Für alles, was Du getan hast, danke ich Dir. Ich bin sehr stolz, dass Du mein Vater warst."

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Auch an der Vossenhütte 16, an der St. Töniser Straße 6, am Steinpfad 4, an der Clevenstraße 17 und an der Godehard-Kirche erinnern jetzt Stolpersteine an Vorster Bürger, die vom Nazi-Regime verfolgt, gedemütigt, gequält und getötet wurden. Auf den goldenen Steinen stehen die Namen der Familie Willner, der 1938 die Flucht nach Argentinien gelang. Ein weiterer Stein erinnert an den geistig behinderten Josef Vogel, der im Oktober 1943 verhaftet wurde, in mehreren Gefängnissen war und ein Jahr später im Alter von nur 26 Jahren an den Folgen der Haft starb.

Auch Johannes Katz hat jetzt einen Stolperstein. In der Pogromnacht im November 1938 misshandelten die Nazis den damals 80-Jährigen so schwer, dass er drei Monate später starb. Der Stein vor der Kirche am Markt erinnert an Kaplan Theodor Kniebeler, nach dem bereits ein Park in Vorst benannt ist. Der Theologe stellte sich offen gegen das Nazi-Regime, dessen Handlanger ihn daraufhin wegen "Kanzelmissbrauchs" anklagten.

Dem Initiativkreis "Stolpersteine für Vorst" ist es zu verdanken, dass jetzt 23 Stolpersteine im Ort liegen, die an die Menschen erinnern, deren Bild die Nationalsozialisten für immer auslöschen wollten. "Die Stolpersteine sind ein Beitrag dazu, den Menschen ihr Gesicht und ihre Identität zurückzugeben und damit auch ein Stück ihrer Würde", sagte Bürgermeister Thomas Goßen in seiner Ansprache.

(WS03)
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