Tönisvorst: Auschwitz darf nie wieder geschehen

Tönisvorst : Auschwitz darf nie wieder geschehen

Zum 70. Mal jährt sich der Tag der Befreiung der Menschen aus dem Vernichtungslager Auschwitz. Auf dem jüdischen Friedhof in Vorst gedachten gestern Tönisvorster Bürger den Opfern des Nationalsozialismus.

Der jüdische Friedhof am Gotthardusweg in Vorst ist ein Ort der Stille. Selbst wenn dort über 50 Menschen zusammenkommen, bestimmt Ruhe das Bild des Friedhofes mit seinen zwei Grabmälern auf der von Bäumen eingerahmten Fläche. Auf dem Friedhof fand die alljährliche Gedenkfeier der Opfer des Nationalsozialismus statt. Am 27. Januar vor nunmehr 70 Jahren erreichte die Rote Armee das größte Vernichtungslager Auschwitz. "Der Armee muss sich ein unvorstellbares Bild geboten haben. Ein Blick in den Abgrund der menschlichen Seelen", begann der Tönisvorster Bürgermeister Thomas Goßen seine Rede vor den unter Regenschirmen stehenden Zuhörern, denn der Himmel hatte punktgenau zur Gedenkfeier seine Schleusen geöffnet.

Die historischen Fakten sind allen bekannt. Über 1,1 Millionen Menschen wurden in Auschwitz systematisch umgebracht. Goßen ging geschichtlich ein weiteres Stück zurück, an die Anfänge in den 30er Jahren. "Wir fragen uns, wie konnte das geschehen? Wie konnte die Bevölkerung einem Mann ihre Stimme geben, der in seinem Buch QDer KampfQ in aller Öffentlichkeit beschrieb, was er vorhatte? Was ermöglichte diese Entwicklung?", fragte Goßen, der Auschwitz als das Synonym für die Abgründe der menschlichen Seele betitelte, wo Menschen ihre Menschlichkeit verloren hätten. Wobei der Bürgermeister diese Aussage auf die Täter als solche, aber auch diejenigen bezog, die weggeschaut hatten. Die wissenschaftlichen Antworten auf diese Fragen stellte Goßen aber nicht in den Mittelpunkt, sondern die alleinige Aussage, dass Erziehung heute nur eins verhindern muss: Dass ein Auschwitz nie wieder möglich wird. Und dafür bedürfe es keinerlei Begründung, fügte er an. Goßen erzählte die Geschichte eines 15-jährigen deutschen Jungen, der als Schüler nach Israel reiste und bei einem alten Mann in einem Gemüseladen eine Melone kaufen wollte. Dieser Mann zeigte dem Jungen seinen Arm, in den eine Nummer eintätowiert war, die verdeutlichte, dass er in Auschwitz gewesen war. Er sagte dem Jungen, seine Generation sei nicht schuld an dem, was geschehen sei, aber trage die Verantwortung, dass so etwas nie wieder geschehe. Der Schüler war niemand anderer als Goßen.

"Der entscheidende Satz ist der, die Verantwortung zu tragen, damit so etwas nie wieder passiert. Wir alle haben diese Verantwortung. Wenn mich jemand fragt, wie viele Juden und Muslime in Tönisvorst leben, so antworte ich, dass wir 29.607 Tönisvorster sind. Ich habe meine Lektion in deutscher Geschichte gelernt", betonte Goßen. Jeder, der sich auf die Werte der Menschlichkeit berufe, habe hier seinen Platz und sei ein Teil der Gemeinschaft.

Pfarrer Ludwig Kamm schloss die Gedenkveranstaltung mit einer Erinnerung an seinen eigenen ersten Auschwitz-Besuch und einem Gebet, bevor Peter Joppen vom Initiativkreis "Stolpersteine für Vorst" an den 28. Februar erinnerte. An diesem Datum legt die Initiative zwölf weitere Stolpersteine an sechs Stellen. Gestartet wird dabei um 9 Uhr an der Dellstraße 17. "Es ist schön zu sehen, wie aus einer Initiative, die anfänglich etwas problematisch anlief, ein Selbstläufer geworden ist und starke Unterstützung erhält", freute sich Joppen. Im Anschluss an die Verlegung wird im Kulturcafé Papperlapapp ein Kurzfilm zur Deportation Tönisvorster Juden ab Anrath gezeigt. Joppen verwies zusätzlich darauf, dass zusammen mit der Stadt der jüdische Friedhof in Zukunft ausgeschildert werden wird.

(tref)