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Auf Corona-Streife mit dem Kommunalen Ordnungsdienst in Tönisvorst

Kommunaler Ordnungsdienst in Tönisvorst : Auf Streife mit dem Ordnungsdienst

Mehr als 200 Verstöße und mehr als 130 Bußgelder, lautet die Bilanz in Tönisvorst für die Zeit seit Beginn des Corona-Lockdowns. Wir haben den Ordnungsdienst auf einer Streife begleitet.

Die Frau an der Tür ist abweisend. „Worum geht es denn?“, fragt sie, als Alexander Kreuels darum bittet, ihren Mann sprechen zu dürfen. Ihre Miene ist finster, sie hält die Tür fest und versperrt jeglichen Blick in die Wohnung. Als sich Kreuels vorstellt, entspannt sich die Frau. Also nicht die Polizei, sagt sie und lacht erleichtert auf. Kreuels sieht in seiner Uniform zwar so ähnlich aus, ist aber Mitarbeiter des Kommunalen Ordnungsdienstes (KOD) der Stadt Tönisvorst, und in diesem Moment überbringt er eine Nachricht: „Das Ergebnis des Bluttests ihres Mannes von heute Morgen war auffällig“, sagt der Besucher, „er soll sich schnellstmöglich hier melden.“ Er hält einen Zettel mit einer Telefonnummer hin, als der Mann in der Tür auftaucht. Der nimmt ihn und versichert, sofort anrufen zu wollen. In seinem Auto wählt Kreuels die Nummer der Leitstelle der Kreispolizei Viersen und gibt durch, den Gesuchten angetroffen zu haben. „Wenn bei der Polizei gerade alle Fahrzeuge im Einsatz sind, helfen wir aus“, erläutert der 34-Jährige, lässt den Motor an und fährt los.

Die vier Mitarbeiter des KOD sind seit Mitte März täglich mit den Auswirkungen der Corona-Pandemie konfrontiert. Seitdem informieren sie Einzelhändler und Gastronomen über die neuesten Bestimmungen und kontrollieren im Stadtgebiet, ob die Schutzverordnung eingehalten wird. Abstandsregel, Maskenpflicht, Hygienestandards sind nur einige der Begriffe, die in der Krise den meisten geläufig geworden sind. Etwas mehr als 200 Verstöße wurden in der Apfelstadt geahndet, mehr als 130 Bußgelder erlassen. Inzwischen stagnieren die Zahlen wegen der zunehmenden Lockerungen der Corona-Schutzverordnung.

Kreuels parkt den Dienstwagen auf dem Parkplatz hinter dem Verwaltungsgebäude an der Bahnstraße und überquert die Willicher Straße in Richtung der Freizeitanlage Pastorswall. Es ist halb sechs am Freitagabend, vor einer guten halben Stunde hat der 34-Jährige seinen Spätdienst angetreten. Bis etwa 1 Uhr wird er in Vorst und St. Tönis unterwegs sein. Während er in seinem Kopf die vergangenen Wochen durchgeht, seufzt er. Klar, als Mitarbeiter des KOD sei er skeptische Blicke, Abweisung und sogar Beschimpfungen gewöhnt, doch die Zeit des Lockdowns habe die Ablehnung vieler Menschen gegenüber ihm und seinen Kollegen verstärkt, sagt Kreuels. Seitdem begegne ihm der „Mittelfingergruß“ noch häufiger, die Beleidigungen seien noch blöder und lauter, die Blicke der Bürger noch finsterer geworden. „Das darf man nicht persönlich nehmen“, sagt Kreuels dann. Die Corona-Krise sei für alle eine schwierige Zeit. Mit den Lockerungen hätten die Anfeindungen immerhin abgenommen.

Dabei sei die Stimmung anfangs ganz anders gewesen, informiert die Stadtverwaltung. Zu Beginn des Lockdowns seien die Bürger erfreut über die Kontrollen der Ordnungsbehörde gewesen. Ein Eindruck, den Kreuels bestätigt: „Anfangs haben sich die Leute beschützt gefühlt.“ Doch je länger die Schutzverordnung in Kraft gewesen sei, desto angespannter sei die Stimmung geworden. Als Sicherheitsmaßnahme müssten die KOD-Mitarbeiter immer mindestens zu zweit unterwegs sein, berichtet Kreuels. Ende März kam es zu einem Übergriff. Zwei KOD-Mitarbeiter waren zu einem Einfamilienhaus gerufen worden, weil dort trotz des Kontaktverbots mehrere Menschen gefeiert haben sollen. Dabei wurden sie angegriffen, und ein Mitarbeiter wurde durch Tritte gegen die Schläfe verletzt. Kreuels will sich davon nicht verunsichern lassen: „Wir werden in Seminaren gut vorbereitet“, sagt er nur. Er war zuvor bei der Militär­polizei, arbeitete für einen Sicherheitsdienst und betrieb eine Gaststätte. Ihn bringt so schnell nichts aus der Ruhe.

„Hotspots“ für Verstöße gegen die Schutzverordnung waren laut Angaben der Stadt das Freizeitgelände am Wasserturm und der Brauereihof in St. Tönis. Täglich haben die KOD-Mitarbeiter sie kontrolliert und besonders Jugendliche und junge Erwachsene aufgeschreckt, die sich dort in Gruppen aufhielten. Sie seien am häufigsten bei Verstößen gegen das Kontaktverbot betroffen gewesen, informiert die Stadt. Während des Lockdowns sah der Bußgeldkatalog, den das Land NRW erlassen hat und an dem sich die Stadt Tönisvorst orientiert, dafür einen Regelsatz von 200 Euro vor. Bei vielen kam es aber gar nicht so weit. „Die Jugendlichen haben das gut geplant“, sagt Kreuels. „Sie haben sich an Orten getroffen, an denen sie uns schon aus der Ferne sehen konnten, und waren weg, bis wir da waren.“

Auch an diesem Abend trifft Kreuels auf neun Jugendliche, die auf einer Bank im Park am Wasserturm einen Geburtstag feiern – inzwischen ist das keine Ordnungswidrigkeit mehr, niemand stiehlt sich davon. Als sie den Wagen des KOD sehen, winkt einer von ihnen. Kreuels spricht mit ihnen, riecht an einem Becher eines Minderjährigen und schreibt sich die Personalien eines 19-Jährigen auf. Je nachdem, wie sich der Abend entwickle, könne der junge Mann anschließend noch mal kontaktiert werden, erklärt Kreuels und betont: „Der Ordnungsbehörde ist man genauso ausweispflichtig wie gegenüber der Polizei.“