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Tönisvorst: Altersarmut wird weiter zunehmen

Tönisvorst : Altersarmut wird weiter zunehmen

Auf Einladung der CDU-Senioren-Union Tönisvorst kam die ehemalige NRW-Ministerin Christa Thoben ins Paul-Schneider-Haus nach Vorst. Das Thema des Abends: Altersarmut.

Christa Thoben nimmt kein Blatt vor den Mund: "Wir haben keine Altersarmut in Deutschland, weil der Staat aufstockt, wenn die Rente nicht reicht." Zwar gebe es das Risiko der Altersarmut, besonders für die heute 50- bis 60-Jährigen, die nicht selber vorgesorgt haben, aber das Thema habe nicht die Dimension, die gerne vorgetragen werde. "Die Statistiken sind mit Vorsicht zu genießen, weil andere Geldquellen, die die Menschen neben der Rente haben, oft nicht berücksichtigt werden", sagt die CDU-Politikerin.

"Laut Statistik bin ich auch altersarm", meint Thoben provozierend, schließlich habe sie nur zwölf Jahre als Angestellte gearbeitet. "Das ist die Zeit, die in der Statistik erfasst wird", sagt die 75-Jährige. Auf Einladung der Senioren-Union ist die ehemalige NRW-Ministerin für Wirtschaft und Mittelstand nach Vorst gekommen. 30 Zuhörer, darunter viele CDU-Mitglieder, haben sich versammelt, um über das Thema Altersarmut zu diskutieren.

Eröffnet wird die Diskussionsrunde von Jürgen Beyer, CDU-Mitglied und Vorsitzender der Tönisvorster Hilfe, die in St. Tönis zweimal im Monat kostenlos Lebensmittel an Bedürftige ausgibt. Beyer informiert, dass ein Erwachsener, der weniger als 942 Euro im Monat für alle Belange des täglichen Lebens zur Verfügung hat, in Deutschland als arm gelte. "Zum Vergleich: In der Schweiz liegt die Grenze bei 1000 Euro, die übrig bleiben, wenn Miete und Nebenkosten abgezogen sind", sagt Beyer. Laut einer Erhebung leben zwölf Millionen Deutsche zurzeit von weniger als 1000 Euro im Monat.

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Dass das Problem nicht gesehen wird, weiß Beyer aus Erfahrung. "Als Reinhard Bismanns und ich 2009 überlegten, eine kostenlose Lebensmittelausgabe zu initiieren, hieß es von allen Seiten: 'Das ist nicht nötig, in Tönisvorst gibt es keine armen Menschen'", erinnert sich Beyer. Bei der ersten Ausgabe standen 40 Leute vor der Türe, heute seien 680 Ausweise im Umlauf, 350 Menschen kämen regelmäßig zu jeder Ausgabe, 24 Prozent der Besucher seien Rentner. "Und die Berechtigungsausweise bekommt nur, wer Grundsicherung bezieht, also von Hartz IV lebt oder die Rente aufstocken lassen muss", erklärt Beyer.

Obwohl diese Zahl bereits erschreckend hoch ist, zumal an vielen Ausweisen ganze Familien hängen, ist Beyer sicher, dass es noch viel mehr, besonders alte Menschen gibt, die bedürftig sind. "Aber sie sind zu stolz, um zu uns zu kommen." Ein Zuhörer fügt hinzu, dass diese Menschen auch zu stolz seien, zum Amt zu gehen und Grundsicherung zu beantragen. "Ich kenne eine Frau, die lebt von 600 Euro Rente", erzählt der Mann. Ingo Schabrich, Dezernent für Jugend, Familie, Bildung und Kultur, informierte, dass die Zahl der Empfänger von Grundsicherung im Alter sich deutschlandweit in der Zeit zwischen 2003 und 2013 laut einer Bertelsmann-Studie von 260.000 auf 500.000 Menschen nahezu verdoppelt habe. Und die Armutsgefährdungsquote bei Menschen ab 65 Jahren sei noch deutlich höher. "Das heißt, es gibt viele, die auf der Kippe stehen", sagt der Kreisdirektor. Besonders alleinerziehende Frauen, Menschen mit Migrationshintergrund, Geringverdiener und Alleinstehende gehörten zur Risikogruppe. "Altersarmut ist Realität", schließt Schabrich, "und in Zukunft wird die Zahl derer, die von der Rente nicht mehr leben können, noch deutlich steigen."

(WS03)