Solingen: Zuhause in zwei Kulturen

Solingen: Zuhause in zwei Kulturen

Die Geschichte von Metin Karyagdi und seiner Ehefrau Britta Albrecht-Karyagdi ist eine besondere: Sie handelt von einer großen Liebe, einer glücklichen Familie und von gelebter Integration. Und davon, wie all das zusammenspielt. "Wir haben uns kennen gelernt, als ich in der Türkei Urlaub machte", erinnert sich Britta Albrecht-Karyagdi an den Sommer im Jahr 1988.

Im September sei ihr Mann nach Deutschland gekommen, im November hätten sie geheiratet. Seitdem lebten sie "ganz selbstverständlich" ihr Leben als Paar aus zwei Kulturen, Paar mit zwei Religionen, Paar mit zwei Sprachen. Und hörten, von Freunden und Bekannten, immer wieder eines: "Ja, bei Euch ist das ja auch was Besonderes." Das ist es ganz bestimmt — aber es ist auch noch viel mehr. Deshalb handelt ihre Geschichte auch von der Arbeit, die Integration bedeuten kann. "Die Bemühungen müssen von beiden Seiten kommen", sagen die Eheleute einstimmig und meinen damit ausdrücklich nicht nur ihr Leben als Paar.

Sich aufeinander zu bewegen

"Integration bedeutet für mich, dass Deutsche und Türken, Menschen verschiedenster Nationalitäten, zusammenleben, ihre Kulturen kennenlernen, sich aufeinander zu bewegen", sagt Metin Karyagdi. Er habe, sagt der 47-Jährige, immer dafür gekämpft: "Eineinhalb oder zwei Jahre, nachdem ich nach Deutschland gekommen bin, konnte ich die Sprache. Wenn ich hier lebe, ist das selbstverständlich." Immer wieder, das weiß er, seien es fehlende Sprachkenntnisse ausländischer Mitbürger, die für Diskussionen sorgten. "Man sagt, dass türkische Kinder ihre Muttersprache lernen müssten. Doch ich frage mich, welche Sprache für Kinder die Muttersprache sein soll, die hier geboren werden, aufwachsen und später selbst Familien gründen."

Türkisch lernten die Kinder ohnehin in ihren Familien. "Das kommt automatisch durch das Umfeld, durch Freunde oder türkische Fernsehsender." Viel wichtiger sei es, die Sprache des Landes zu beherrschen, indem man lebe. Deshalb, sagt Britta Albrecht-Karyagdi, sprächen alle aktuellen Vorschläge, in Deutschland türkische Gymnasien einzurichten, deutlich gegen die Integration. "Das würde die Abgrenzung von deutschen und türkischen Kindern fördern." Ihre eigenen Kinder, Suzan Nida (20) und Leon Can (7), haben "Deutsch als Hauptsprache und Türkisch als Nebensprache" gelernt. Und auch Britta Albrecht-Karyagdi selbst beweist, wie Integration funktionieren kann: "Ich habe Türkisch gelernt, weil es mir wichtig ist, mich mit meiner türkischen Familie unterhalten zu können. Außerdem kann ich mir vorstellen, später in der Türkei zu leben und da muss ich die Sprache beherrschen."

Vorurteile gibt es immer noch

In Solingen sei insbesondere nach dem Brandanschlag viel für die Integration getan worden. Vorurteile jedoch gibt es noch immer: "Wir hören immer wieder von Leuten, die sagen, sie würden nicht in die Türkei in den Urlaub fahren, weil es ihnen reiche, die Türken hier zu sehen." Für andere, sagt Metin Karyagdi, sei er der "Vorzeige-Multi-Kulti-Türke", den man anspreche, wenn Türken für negative Schlagzeilen in den Medien sorgten. "Dann sagen sie: Guck mal, was Dein Volk da macht." Dabei will Karyagdi nur eines: Mensch sein. "Ich sehe keine Unterschiede zwischen Deutschen und Türken. Wir sind alle Menschen, die nur einmal auf die Welt kommen und nur einmal die Chance bekommen, das Leben zu genießen."

Er selbst sei "mehr als integriert", was nur durch die Annäherung beider Seiten, der verschiedenen Kulturen, möglich geworden sei. Und deshalb ist die Geschichte der Familie nicht zuletzt eine Geschichte davon, welche Bereicherung ein multikulturelles Leben bieten kann: "Das Leben ist viel interessanter, viel bunter, wenn man sich für andere Leute, ihre Länder und ihre Religionen öffnet."

(RP)