Solingen Zimmer mit Aussicht

Solingen · Weil Gefahr im Verzug war, wies die städtische Bauaufsicht den Abriss eines alten Industriegebäudes auf der Gebhardtstraße an. Jetzt schauen die Anwohner auf eine Schutthalde – und das wahrscheinlich monatelang.

Wenn Margot Schaaf auf den Schuttberg auf der anderen Straßenseite blickt, denkt sie an früher: „Das sieht aus wie nach einem Bombenangriff.“ Ihr gehört mit ihrem Mann ein Wohnhaus auf der Gebhardtstraße. Direkt gegenüber, Ecke Dültgenstaler Straße, hat ein Bauunternehmer auf Anweisung der Bauaufsicht am 22. März den seit vielen Jahren leer stehenden Backstein-Anbau der dortigen Lackfabrik abgerissen. „Ersatzvornahme“ und „niederlegen“ heißen die Fachausdrücke. Anfang Dezember hatten Fachleute das aus den Anfängen des 20. Jahrhunderts stammende Neben-Gebäude unter die Lupe genommen und festgestellt, dass davon ein akuter Gefahrenszustand ausgeht, Bauteile drohten auf die Straße zu stürzen. Seit Jahren hatte es durch das Dach geregnet, berichtete Volker Holzheimer, Städtischer Baudirektor, im Gespräch: Der Eigentümer selbst habe die Stadt aufgefordert, wegen der Einsturzgefahr tätig zu werden.

Anwohner sind stinksauer

Jetzt liegt der Schutthaufen dort. Und das wohl noch länger, zum Unmut der Anwohner, die sich das nicht gefallen lassen wollen. „Es kann doch nicht sein, dass der Streit zwischen dem Eigentümer und der Stadt auf unseren Schultern ausgetragen wird“, regt sich Margot Schaaf auf: „Wenn die Stadt abreißt, muss sie auch dafür aufkommen, dass der Schutt abtransportiert wird.“ Damit ist sie bei der städtischen Bauaufsicht auf taube Ohren gestoßen. In einem Schreiben an die Betroffenen bestätigt Holzheimer zwar, „dass der zur Zeit vorhandene optische Eindruck sehr störend ist“. Aber: Dem Eigentümer bleibe es unbenommen, einen sauberen Zustand herzustellen. Doch dem, so hatte er es den Anwohnern mitgeteilt, sei egal, was auf seinem Grundstück passiere.

Gegen den Abriss hat er Widerspruch eingelegt, um die Kosten von rund 20 000 Euro nicht am Bein zu haben. Das nächste Treffen zwischen dem in Österreich lebenden gebürtigen Solinger und der Stadt wird es wieder vor dem Verwaltungsgericht geben. Dort hatte der Eigentümer einmal gegen die Stadt gesiegt. 2001 erstritt er eine Abrissgenehmigung für das ganze unter Denkmalschutz stehende Fabrikgebäude. Zwei Jahre später wurde diese von der Stadt erteilt – nach einer langen Geschichte. Mitte der 1990er-Jahre war versucht worden, einen Investor zu finden, der das Industriedenkmal zu einem Wohn-Komplex umbaut. Doch es fanden sich keine Geldgeber – vielleicht auch, weil niemand sweiß, was in dem Boden an umweltschädlichen Stoffen schlummert. Das Areal ist Altlastverdachtsfläche.

(RP)
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