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Solingen: Zerfällt die Hochburg der FDP?

Solingen : Zerfällt die Hochburg der FDP?

In ihrer einstigen bergischen Hochburg Solingen steht die FDP vor einem Scherbenhaufen. Bei einem ersten Treffen der Kreispartei nach dem Wahldebakel will sich die Partei neu aufstellen. Doch wie weit trägt die Idee der Freiheit noch?

Die einst so stolze FDP-Hochburg in der Klingenstadt ist am vergangenen Wahlsonntag zur Ruine zerfallen: Gab es bei der Bundestagswahl 2009 noch satte 16,7 Prozent bei der Zweitstimme, so waren es vier Jahre später gerade mal 6,2 Prozent für Blau-Gelb. Dass die Solinger Liberalen damit immer noch ein wenig besser lagen als der Bundesschnitt, dürfte kaum ein Trost gewesen sein. Der Solinger Direktkandidat Gerd Brems, Chef des Paritätischen Wohlfahrtsverbands in der Klingenstadt, wurde von den Wählern im Wahlkreis 103 (Solingen Remscheid, Wuppertal II) nahezu ignoriert: 2,6 Prozent war das mit Abstand schlechtete Ergebnis aller profilierten Bewerber. Selbst der völlig unbekannte Hans Werner Karl Schmitz (AfD) erhielt mit 3,7 Prozent mehr Stimmen.

 Prost Solingen! Walter Scheel bei der Zöppkesmahlzeit.
Prost Solingen! Walter Scheel bei der Zöppkesmahlzeit. Foto: MAK (Archiv)

Am Freitag heißt es, Scherben aufkehren: Hauptausschuss und Vorstand der Kreispartei kommen in der Zentrale an der Kölner Straße zu einer Sitzung zusammen. Insider erwarten eine höchst lebendige Diskussion, denn schon am Wahlabend war es nach Verkündung erster Prognosen laut geworden. Die Remscheider Parteifreunde waren den Kreisvorsitzenden Ulrich. G Müller aus Solingen hart angegangen. Der Kandidat aus Solingen habe sich in Remscheid zu wenig blicken lassen, lautete ein Vorwurf. Einen Friedensgipfel dürfte es also kaum geben am Freitag, eher ein Scherbengericht. Reguläre Vorstandswahlen stehen nicht an, doch wird erwartet, dass auch über Personalfragen gesprochen wird.

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Die Solinger Parteispitze nimmt ihren Kandidaten Brems in Schutz: An ihm habe es sicher nicht gelegen, sagt Müller. "Es lag am Trend, nicht am Kandidaten." Und: "Das ist ein bundespolitisches Ergebnis, es hat keine Auswirkungen auf unsere Politik in Solingen." Das klingt nach "weiter so". Doch Müller weiß, dass sich was ändern muss. "Wir erwarten am Freitag jede Menge Vorschläge." Er selbst will liberale Kernthemen in den Vordergrund rücken, sein Stellvertreter Hans Eugen Bertenburg nennt es "Schärfung des liberalen Profils". Doch was bedeutet das konkret?

Eine kurze Zeitreise hilft vielleicht: In den dunklen Tagen bergischer Unfreiheit schlug die Stunde eines mittelalterlichen Freiheitshelden: Adolf V. von Berg. In der blutigsten Schlacht des Mittelalters schlugen er und seine Getreuen 1288 den Kölner Erzbischof Siegfried von Westerburg. Adolf gründete Düsseldorf und legte ein historisches Fundament für die bergische Freiheit. Die wird seither hoch gehandelt.

Viele kampferschütterte Jahrhunderte später schrieb die FDP die Freiheit mit dicker Tinte in ihr Wahlprogramm. An der Seite von Willy Brandt versuchte der Solinger Walter Scheel als Außenminister die Unfreiheit der Ostdeutschen erträglicher zu machen. In der liberalen Hochburg Solingen holte die Freiheitspartei bei Wahlen bis zu 20 Prozent der Stimmen. Hans-Dietrich Genscher vollendete die Freiheit Deutschlands in der Einheit an der Seite von Helmut Kohl. Doch inzwischen hat sich die Idee der Freiheit in Deutschland offenbar verbraucht, da sie sich nahezu überall durchgesetzt hat. "Wir müssen über den Begriff der Freiheit neu nachdenken", sagt Ulrich G. Müller. So wehrten sich die Liberalen im Wahlkampf tapfer gegen gefühlte Bevormundung durch Tempolimits, Rauchverbot und Veggie-Day — und wurden nicht wahrgenommen. "Man sieht uns heute vornehmlich als Neoliberale, als Freunde von ,Zockern' oder ,Heuschrecken'", sagt Müller selbstkritisch. Doch sei der Eindruck falsch. Müller: "Wir stehen klar hinter den mittelständischen Unternehmen."

Christian Lindner (34) soll es nun richten. Und wo sind die jungen Liberalen in Solingen? Fehlanzeige, sagt Müller. Die Generation 30 und 40 kümmere sich lieber um Job und Familie statt um ehrenamtliche Kommunalpolitik.

(RP)