Solingen: Wut und Verzweiflung

Solingen : Wut und Verzweiflung

Tag eins nach der Flut in Unterburg: Die Menschen räumen die Trümmer weg, die der Eschbach hinterließ. Einige Anwohner fürchten um ihre Existenz. Was aber bleibt, sind Fragen. Hätte die Flut verhindert werden können?

Nur mühsam kommt Gisela Jochim am Morgen nach dem Albtraum die matschige Zufahrt zu ihrem Hof runter. Und eigentlich will die ältere Dame auch gar nicht an den Ort des Schreckens zurück. "Überall Schlamm! Es ist entsetzlich!" Aber dann drückt die Frau, die sich auf einen Stock stützt, den Rücken durch, ein Ruck durchzuckt sie — und die knarrende Tür zum Keller des alten Hauses gibt den Blick frei auf das Chaos, auf all die Zerstörung, die der reißende Eschbach in nur wenigen Augenblicken zurückließ. Triefnasse Polster, Schränke, die nicht mal mehr Schrottwert haben — nach dem Blitzhochwasser vom Montagabend bleibt Gisela Jochim nichts weiter, als die Trümmer der Flut zu sortieren.

Unterburg, Tag eins nach der Flut: Gebannt starren die Menschen auf den Bach, der immer noch mit angsteinflößender Kraft durch den Ort schießt. "Ich kann's nicht fassen", gibt Sylvia Lücker zu Protokoll, die gerade damit beschäftigt ist, ihr Haus vom gröbsten Dreck zu befreien. Und in die Fassungslosigkeit mischt sich Wut, unbändige Wut auf jene, die nach Ansicht der Burger für das Elend vor den Türen und in den Häusern verantwortlich sind. "Es wird nur geredet", schimpft Helmut Schneider, der gegenüber von Sylvia Lücker an der Eschbachstraße einen Naturbaustein-Handel betreibt.

Unklar, ob Versicherung zahlt

Ob die Versicherung zahlt? Schneider, der fürchtet, vor den muffig stinkenden Trümmern seiner Existenz zu stehen, hat keine Ahnung. Dafür glaubt ein Nachbar den Schuldigen ausgemacht zu haben. "Der Wupperverband hätte den Bach ausbaggern müssen, hat er aber nicht getan, um die Forellen zu schützen", schimpft der Rentner, der seit 67 Jahren in Unterburg wohnt und noch nie "ein so schnelles Hochwasser erlebt" hat. Nun, dergestalte Fürsorge für die Fische war jedenfalls am Montagabend um kurz nach 18 Uhr auch für die Katz. "Das hat sicher keine Forelle überlebt", mutmaßt Gastronom Klaus Striepen in seinem gefluteten Keller. Der Eschbach trat mit solcher Wucht aus seinem Bett, dass kaum noch mehr reagiert werden konnte. Dieser ersten Flutwelle folgten noch zwei weitere, wie Feuerwehr-Vize Ottmar Müller berichtet. Die Helfer waren elf Minuten nach dem Alarm vor Ort, ihnen waren zunächst aber auch die Hände gebunden. Ja, mussten sich selbst in Schutz bringen. Müller: "Wir konnten nur Keller leer pumpen."

Auch die Schmiede von Franz-Josef Stritthof war nicht zu retten. 2,80 Meter hoch stand das dreckige Wasser. Dem Handwerker bleibt nichts weiter als die Hoffnung, dass die Versicherung der Firma zahlt, die direkt vor seiner Tür eine Stützwand errichtet. Dazu hatten die Arbeiter Rohre verlegt, die das Wasser stauten und in die Schmiede fließen ließen, ehe sie selbst davon gerissen wurden. Nichts hielt danach mehr die Flutwelle auf ihrem Weg nach Unterburg.

Gab es Versäumnisse im Hochwasserschutz? Schreiben Sie uns Ihre Meinung am Heißen Draht!

Hier geht es zur Bilderstrecke: Aufräumen am Tag nach dem Unwetter

(RP)
Mehr von RP ONLINE