75 Jahre Grundgesetz Wo die Verfassung in der Solinger City erlebbar ist

Solingen · Die Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen (ACK) würdigt den Geburtstag des Grundgesetzes mit einem Rundgang. Halt machen die Teilnehmer an Institutionen, die für verschiedene Grundrechte stehen.

Das Symbol „Engel der Kulturen“ steht stellvertretend für alle Kulturen und Religionen.

Das Symbol „Engel der Kulturen“ steht stellvertretend für alle Kulturen und Religionen.

Foto: Lammertz, Thomas (lamm)

Nicht mit festlichen Fanfaren und bedeutungsschweren Sonntagsreden feiern die Kirchen in Solingen den 75. Geburtstag des Grundgesetzes – sondern mit einem besonderen Spaziergang. „Multimedial, mit körperlicher Bewegung und miteinander“ sollten sich die Teilnehmer der bundesrepublikanischen Verfassung widmen, bringt Pfarrer Michael Mohr, Solinger Stadtdechant und Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen (ACK) in Solingen, das Konzept auf den Punkt. Und Pfarrerin Dr. Stefanie Bluth, die die Projektleitung übernimmt, ergänzt: „Unsere Idee war es, eine Aktion zu gestalten, in der das Grundgesetz praktisch deutlich wird.“

Dazu sind alle Interessenten eingeladen, sich am frühen Samstagnachmittag, 25. Mai, auf dem Fronhof einzufinden. Dort ist der sogenannte „Engel der Kulturen“ in den Boden eingelassen – ein Kreis mit den Zeichen der drei abrahamitischen Weltreligionen, also Judentum, Christentum und Islam. Geschaffen hatten ihn einst die Künstler Carmen Dietrich und Gregor Merten – als Bekenntnis zum Zusammenhalt über kulturelle Grenzen hinweg. Im Kontext des geplanten Grundgesetz-Rundganges könnte das Werk zugleich auch als Anspielung auf die in Artikel vier der bundesdeutschen Verfassung verankerte „Freiheit des religiösen und weltanschaulichen Bekenntnisses“ dienen. Alle acht Stationen des Weges stehen für verschiedene Grundrechte. Um die unantastbare Würde des Menschen aus Artikel eins geht es zum Beispiel in der Bildungs- und Gedenkstätte an der Max-Leven-Gasse, deren Namensgeber in der Pogromnacht von den Nationalsozialisten ermordet wurde. Das Brief- und Fernmeldegeheimnis kommt beim Besuch der Post zur Sprache.

Auf die Gleichheit vor dem Gesetz verweist ein Abstecher zum Amtsgericht. Weiter geht es zum Rathaus, das unter anderem für die Gleichberechtigung von Frauen und Männer und den besonderen Schutz von Ehe und Familie stehen soll. Und ein Besuch am Technischen Berufskolleg erinnert an das Recht, Beruf und Ausbildungsstätte frei zu wählen.

An jedem Haltepunkt soll es dazu Wortbeiträge geben. Sprechen werden neben Bürgermeisterin Ioanna Zacharaki und Daniela Tobias vom Max-Leven-Zentrum auch der ukrainische Klinikums-Seelsorger Pfarrer Michael Fetko, der der ruthenischen griechisch-katholischen Kirche angehört, sowie Vertreter der Quäker und der Neuapostolischen Kirche. An Letzteren zeigt sich zugleich auch die Breite des konfessionellen Spektrums innerhalb der ACK in der Klingenstadt. Deutschlandweit existiert die ökumenische Bewegung übrigens bereits seit 1948 – also ein Jahr länger als das Grundgesetz. Ein Miteinander der Religionen habe sich – nach langen Zeiten der Verfolgung – auch als Traditionslinie in Europa durchgesetzt, betont derweil die Superintendentin und stellvertretende Solinger ACK-Vorsitzende Dr. Ilka Werner. Das gelte es gemeinsam mit den Freiheitsrechten des deutschen Grundgesetzes zu verteidigen, sagt sie – und schaut damit auch schon voraus auf die am 9. Juni stattfindende Europawahl.

„Wir als christliche Kirchen sind aufgerufen, etwas zu tun“, bekräftigt wiederum Pfarrer Mohr angesichts der jüngsten Übergriffe auf Politiker. „Wie gehen wir miteinander um?“ sei eine der zentralen Fragen der gegenwärtigen politischen Auseinandersetzung. Mit dem Rundgang wolle man „kein Statement gegen etwas setzen, sondern für das Grundgesetz als Basis unseres Zusammenlebens werben.“

Die Teilnahme erschöpft sich dabei jedoch nicht im Mitlaufen und Zuhören: Denn mittels einer App und eines QR-Codes können die Interessenten auf dem Weg parallel noch auf eine digitale Schnitzeljagd gehen – und dabei verschiedene Fragen zu Grundrechts-Themen beantworten. „Die Teilnehmer können dabei auch kleine Teams bilden“, sagt Stefanie Bluth. Zielort des Trosses ist schließlich die Gläserne Werkstatt an der Hauptstraße. Da soll nach der rund zweistündigen Erkundung der Innenstadt Gelegenheit zu einer Stärkung, zum Gespräch oder zum gemeinsamen Singen sein.

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