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Interview Brigitte Funk: "Wir können uns nicht verständigen"

Interview Brigitte Funk : "Wir können uns nicht verständigen"

Brigitte Funk von der Solinger Tafel spricht über neue Probleme, solide Finanzen und ihre eigene Motivation weiterzumachen.

Frau Funk, wie läuft die Aktion Wunschzettel?

Funk Wir sind noch dran - wir haben bis jetzt 570 Wunschzettel verteilt, aber diese Woche werden noch welche folgen. Im Vergleich zu den vergangenen Jahren ist es deutlich mehr geworden.

Woran liegt das?

Funk An den Asylbewerbern, die verstärkt gekommen sind, und das sind einfach größere Familien als bei den Deutschen. Das ist ganz logisch, dass wir da auch mehr Kinder haben. Wir versorgen zurzeit rund 1300 bis 1400 Kinder.

Was bedeutet das für Ihre Arbeit?

Funk Durch die Kinder haben wir nicht mehr Arbeit, aber generell ist die Umstellung schon groß. Wir können uns mit den Leuten nicht verständigen, die wenigsten sprechen Englisch oder nur sehr verhalten. Und sie haben andere Essgewohnheiten, das heißt, die Leute brauchen andere Lebensmittel als die, die wir zur Verfügung haben. Dadurch hat sich unser Ablauf schon geändert.

Ist die Mehrarbeit mit ehrenamtlichen Helfern noch machbar?

Funk Es ist noch machbar, aber die Verständigungsschwierigkeiten und soziale Probleme machen es uns nicht leicht. Häufig kommen die Männer zu uns, und denen gefällt es nicht, wenn wir Frauen hier stehen und ihnen sagen, was sie dürfen und was sie nicht dürfen. Das ist schon ein Problem. Die können schlecht damit umgehen, dass sie hier auf Frauen treffen.

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Wie gehen Sie damit um?

Funk Ziemlich gelassen. Wir sind gut abgetrennt von den Leuten, die Kollegen stehen hinter dem Tisch. Man hat nicht das Gefühl, bedrängt zu werden. Wir haben auch von einem Wuppertaler Polizeikommissar eine Unterweisung zu bekommen, wie wir uns verhalten sollen mit der etwas schwierigeren Klientel.

Wie häufig sehen Sie sich damit konfrontiert, dass Flüchtlinge nicht als Tafelkunden akzeptiert werden können ?

Funk Relativ selten. Es wird sicherlich viel darüber gesprochen, aber wir werden nicht direkt damit konfrontiert. Der Tenor in der Bevölkerung ist besonders in der etwas ärmeren Schicht: Die nehmen uns die Wohnung weg, die nehmen uns den Job weg. Wir fragen dann immer: Welchen Job denn? Die meisten Menschen, die wir versorgen, bekommen selbst Hartz 4. Es gibt durchaus Deutsche, die bleiben weg, weil hier so viele Ausländer sind. Massive Probleme haben wir aber nicht.

Früher haben sich viele Menschen geschämt, zur Tafel zu gehen. Hat sich der Umgang da geändert?

Funk Nein, für die Deutschen ist das immer noch ein Angang. Vor allem Familien, alleinerziehende Mütter und Rentner, die sich mit ihren kleinen Renten kaum hierhin trauen - leider. Vor allem die Überwindung beim ersten Mal ist schwierig, aber sobald sie einmal hier waren und gesehen haben, wie wir mit den Menschen umgehen, dann überwinden sie das auch. Für die Asylbewerber hingegen sind wir eine Stelle, bei der sie kostenlose Lebensmittel bekommen, die schämen sich überhaupt nicht.

In anderen Städten hat die Tafel massive finanzielle Probleme. Wie ist die Situation in Solingen?

Funk Finanzielle Probleme haben wir derzeit nicht, wir sind in der komfortablen Position, dass wir die Sachen nach wie vor kostenlos abgeben. Da sind wir sicherlich eine der wenigen Tafeln, die das noch machen. Die Solinger Bevölkerung tut schon viel für uns im Bereich der Spenden. Die Leute sind immer ganz froh, wenn sie vor Ort was tun können und das Geld nicht in Afrika versickert. Deshalb sind wir in Solingen ganz gut aufgestellt.

Was steht für das Jahr 2017 an?

Funk Wir agieren nicht, wir reagieren ja immer. Wir müssen gucken, was auf uns zukommt, und wie wir es meistern können. Ich denke aber, dass nicht mehr viele weitere Flüchtlinge kommen werden.

Sie selbst sind seit 18 Jahren dabei. Was motiviert Sie weiterzumachen?

Funk Ich käme nicht auf die Idee, wegen meines Alters mit der Arbeit aufzuhören. Ich habe gestern noch zu meinen Kollegen gesagt: Die Tafel ist mein zweites Kind. Deshalb hänge ich da wirklich dran. Solange ich das gesundheitlich kann und das gerne mache, mache ich das eine oder andere Jahr weiter. Das habe ich mir zumindest vorgenommen.

VERENA KENSBOCK FÜHRTE DAS GESPRÄCH

(RP)