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Solingen: "Wie eine Mauer im Zimmer"

Solingen : "Wie eine Mauer im Zimmer"

Was denken Solinger Jugendliche über die deutsche Vergangenheit? "Freiheit leben" – zur Verleihung der "Schärfsten Klinge" an Joachim Gauck startete die Stadt einen Schreibwettbewerb. Nun erscheint eine Broschüre.

Was denken Solinger Jugendliche über die deutsche Vergangenheit? "Freiheit leben" — zur Verleihung der "Schärfsten Klinge" an Joachim Gauck startete die Stadt einen Schreibwettbewerb. Nun erscheint eine Broschüre.

Die 17-jährige Lena Mergard aus Solingen beschreibt eindringlich einen beklemmenden Traum, in dem Unbekannte eine Mauer mitten durch ihr Zimmer ziehen. Jennifer Schmidt (16) aus Aue berichtet vom Schicksal ihrer Urgroßmutter, die durch den Bau der Berliner Mauer von ihrem Bruder getrennt wurde und diesem erst nach der Wende zufällig an einer Autobahnraststätte wieder begegnete.

Die Stadt Solingen hatte im Vorfeld der Ehrung von Joachim Gauck mit der "schärfsten Klinge" einen Schreibwettbewerb für Jugendliche ausgeschrieben. Im Hinblick auf das Wirken Gaucks als DDR-Bürgerrechtler und Leiter der Stasi-Unterlagen-Behörde sollten sich die jungen Autoren mit Freiheit und Unterdrückung auseinandersetzen.

Die Verfasser von elf ausgewählten Texten wurden zum Festakt zur "Schärfsten Klinge" am 24. November eingeladen. Die Zusammenstellung einiger Werke wird den Teilnehmern zugeschickt und ab Mitte Januar in der Stadtbibliothek zum Mitnehmen ausgelegt.

Kurzgeschichten und Gedichte

Darin finden sich Kurzgeschichten, Interviews und Gedichte. Die Texte befassen sich mit der Lebenswirklichkeit der Menschen im geteilten Deutschland. Die Autoren nähern sich der Thematik oftmals durch die Erzählungen von Eltern und Großeltern. Die 13-jährige Maj Lena Wennrich begibt sich im Beitrag "Was heißt schon DDR?" auf Spurensuche nach dem selbst ernannten Arbeiter- und Bauernstaat. Im Tagebuchstil erzählt sie von einer Reise nach Berlin mit ihrer Familie und ihren eher unbefriedigenden Versuchen, etwas über das Alltagsleben in der DDR herauszufinden.

Eine sehr vielschichtige Auseinandersetzung mit dem Thema Freiheit ist der 20-jährigen Marie Brunn aus Aue gelungen. In ihrem Gedicht erzählt sie von familiärem Zusammenhalt in der Diktatur und der vermeintlich unbeschränkten Freiheit in einer oberflächlichen Konsumgesellschaft: "Shopping im grenzenlosen Internet. Wer hat meinen PC gehackt? Ich hasse die Freiheit der Anderen."

Sie hebt einerseits die große Bedeutung eines selbstbestimmten Lebens ohne Zensur und Mauern hervor, äußert aber auch einige kritische Gedanken zur Ausprägung von Freiheit in der Gegenwart: "Meine Generation fährt auf der Überholspur des Lebens, fährt aber nicht in die große Freiheit, sondern in Anonymität und Einsamkeit."

Hochzeit nachgeholt

Eine erfreuliche Geschichte kann Franziska Anger (16) erzählen. Ihre Tante verließ 1987 die DDR, um ihren Jahre zuvor ausgereisten Lebensgefährten zu heiraten. In ihrem kurzen Text schildert die Schülerin die Wehmut, die die Verwandten bei einem Familienbesuch im Jahr 1988 empfanden.

Niemand habe schließlich geahnt, dass ein Jahr später die Berliner Mauer fallen würde. Letztlich, so erzählt Franziska Anger, habe die wiedervereinte Familie kurze Zeit später gemeinsam Weihnachten gefeiert und dem jungen Paar endlich offiziell den Segen gegeben: "1990 holten meine Tante und mein Onkel ihre Hochzeit hier nach, damit alle das Glück und die Liebe mit den beiden teilen konnten."

So gelingt den Schülern einer Generation, die komplett nach der Überwindung der deutschen Teilung geboren wurde, eine sehr persönliche und lebendige Auseinandersetzung mit der deutsch-deutschen Geschichte.

(ied)