Widdert: Abseits der großen Durchgangsstraßen

Serie „Mein Solingen“ : Abseits der großen Durchgangsstraßen

In einer Serie stellen wir die Solinger Stadtteile vor. Heute: Widdert. Sigrid und Ali Fenten betreiben einen Bioladen - und sie haben an der Börsenstraße den Wandel vom Ausflugsort zum angesagten ruhigen Wohnquartier miterlebt.

Widdert ist grün. Nicht nur aus der Luft betrachtet, sondern auch in der Schuldengrafik der Creditreform: Im Postleitzahlgebiet 42657 lag die Schuldnerquote 2017 mit 12,78 Prozent unter dem Mittelwert (14,35 %; Solinger ab 18 Jahre). Widdert, weiß Wikipedia, befindet sich "abseits der überörtlich bedeutsamen Durchgangsstraßen", wird überwiegend von Landwirten genutzt und ist dünn besiedelt. Wo neben und in den alten Hofschaften neue Häuser gebaut wurden, präsentiert sich (meist dezenter) Wohlstand. Immobilienentwickler sehen Potenzial.

Auch weil das Zentrum an der Börsenstraße seine besten Zeiten schon in den 50er und 60er Jahren erlebt hat: Mit der Straßenbahn (fuhr bis in die zweite Hälfte der 50er Jahre) und Bussen kamen Solinger und Auswärtige ins "Klein St. Pauli", um abzufeiern. Sigrid Fenten (67) kann sich noch gut daran erinnern, wie sie als Kind um 19 Uhr ins Bett geschickt wurde und dann von überall her Tanzmusik hörte - etwa vom Ausflugslokal Eickhorn, das in Steinwurfnähe zum elterlichen Café lag. "Die Eickhorns waren sehr großzügig. Wir Kinder durften auf die Kegel- und die Minigolfbahn."

An Eickhorn erinnert an der Ecke von Börsenstraße / Lacher Straße nichts mehr: Wo die Stadtplaner einen Supermarkt vorgesehen hatten und kogag einmal seine Zentrale bauen wollte, stehen Wohnhäuser. Die Gaststätten Grah und Meis sowie das Café Müller warten auf eine neue Nutzung oder den Abriss.

Sigrid Fenten und ihr Mann Ali sind auf dieser Seite der Börsenstraße, der "toten Schiene", neben den Betreibern der "Widderter Schmette" so etwas wie die letzten Mohikaner: Im früheren Café Schwecke (später Café Fenten) gibt es immer noch Brot und Kuchen - "und samstags Brötchen". Die Backstube wird aber längst als Wohnraum genutzt. "Heute sind wir keine Hersteller mehr", sagt die Tochter eines Konditors, die noch lange selbst gebacken hat. Sigrid und Ali Fenten betreiben einen Bioladen, der neben dem Verkaufsraum der früheren Bäckerei auch einen Teil des angrenzenden Cafés umfasst und neben Lebensmitteln für den täglichen Bedarf auch Wein im Angebot hat.

"Widdert ist kein Ausflugsort mehr, sondern Wohngebiet", bestätigt Sigrid Fenten, die Stammkunden auch aus anderen Stadtteilen hat. "Wir sind eine rollende Gesellschaft geworden." Der eine oder andere Widderter sei aber ganz zufrieden, seine "Greenbag" mit Nahrungsmitteln und Rezepten auch einmal zu Fuß abholen zu können.

Groß ist die Auswahl für Fußgänger nicht mehr: Widdert hat zwar drei Friseursalons, eine Poststelle, in der auch Zeitschriften und andere Artikel verkauft werden, und einen Blumenladen. Die Metzgerei Knecht wurde vor zwei Jahren geschlossen. Wo es nebenan Obst zu kaufen gab, bietet jetzt ein Rechtsanwalt seine Dienste an. Ein kleiner Aufreger, vor allem für ältere Widderter, war es auch, als die Stadt-Sparkasse auf Automaten umstellte. "Viele Widderter vermissen eine Art Bistro", erläutern Sigrid und Ali Fenten. Mit dem "Blauen Kotten" verschwand das letzte Café aus dem Zentrum. Das Fachwerkhaus wird jetzt als "Sportraum" genutzt.

Richtige Gastronomie gibt es nur noch in den Ausflugslokalen an der Wupper. Von den Häusern, die früher oben in Widdert wie Perlen an einer Schnur lagen, bietet sich lediglich der ehemalige Gasthof zur Post für Feiern an. "Christel von der Post" kann gemietet werden und überrascht mit liebevoll dekorierten Räumen. "Haus Bergblick" wird bewohnt. In der Nähe gibt es aber die Gaststätte des Solinger Tennisclubs.

Die Sportler des STC gehören zur bunten Vielfalt von Widdert wie die rührige evangelische Gemeinde, die Aktionen der Grundschule oder der Weihnachtsbaumkauf beim Landwirt. Widdert schlägt den Bogen von Fachwerkhäusern an der Straße Kulle über die liebevoll restaurierte Loos'n Maschinn - früher Dampfschleiferei, heute Wohn- und Gewerbegebäude mit Museum - bis zu modernen Wohngebieten wie dem Weckshof.

(RP)
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