Solingen: Wer ist würdig für einen Straßennamen?

Solingen: Wer ist würdig für einen Straßennamen?

Was haben Willy Brandt (1913-1992), der Widerstandskämpfer Karl Bennert (1912-2000), der Retter verfolgter Juden, Hermann Fritz Gräbe (1900-1986), und das von den Nazis ermordete jüdische Kindermädchen Betty Reis (1921-1944) gemeinsam? Sie alle könnten bald Namensgeber für eine Solinger Straße sein, denn sie stehen auf einer langen Vorschlagsliste der Stadtverwaltung. Ehre und Erinnerung, wem sie gebührt. Doch wer legt eigentlich fest, wer würdig ist und wer nicht?

Es sind in der Regel die Bezirksvertretungen, die Vorschläge aus den Reihen der Parteien oder über Bürgeranregungen einbringen. Dass dieser Abstimmungsprozess nicht immer einfach ist, zeigt das jüngste Beispiel aus der Bezirksvertretung Burg/Höhscheid: Die FDP wollte einen Weg nach ihrem früheren Vorsitzenden Walter Freund (1920-2010) benennen, zog ihren Antrag aber wieder zurück.

Die Ratlosigkeit bei der Bewertung des Antrags beschreibt Bezirksvorsteher Paul Westeppe (CDU) so: "Es geht nicht um Walter Freund als Person, sondern darum, dass uns allgemeingültige Kriterien fehlen." Ein solches, stadtweites Regelwerk mit klaren Vorgaben für eine Straßenbenennung würde manches vereinfachen, ist Westeppe überzeugt. Klare Bestimmungen zur Würdigung von Personen, Orten oder Ereignissen in Straßennamen gibt es bisher nicht, heißt es aus dem Presseamt. Immerhin hatte der Rat 2011 bindend beschlossen, dass Personen mindestens ein Jahr tot sein müssen, bevor sie gewürdigt werden können.

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Die Vorschlagsliste für Straßennamen liest sich wie eine Staumeldung, denn längst nicht alle Vorschläge, selbst die beschlossenen, können derzeit umgesetzt werden. Der Grund: Nur in Ausnahmefällen werden bestehende Straßennamen geändert, da das besondere Umstände für die Anwohner brächte, also können Namen häufig nur für neue oder unbenannte Straßen, meist in Neubaugebieten, vergeben werden. "Solche Namensgebungen verlangen Sensibilität", sagt SPD-Fraktionschef Tim Kurzbach. "Die Namen müssen auch Akzeptanz bei der Bevölkerung finden." Bei Willy Brandt, einem Vorschlag der SPD, wäre das wohl nicht das Problem. Doch gibt es derzeit offenbar keine unbenannte Straße, die der Bedeutung des Friedensnobelpreisträgers entsprechen würde.

Der Wunsch nach Würdigung und Erinnerung prägt die Absicht von Parteien und Bürgern, Straßen nach Personen der Zeitgeschichte zu benennen — möglichst mit Lokalkolorit. So tauchen auf der Vorschlagsliste immer wieder Namen von Widerstandskämpfern auf, wie Ernst Walsken, Tilde Klose oder Hermann Fritz Gräbe. Gräbe gilt als Solingens Oskar Schindler. Der eine wie der andere hat Juden aus ärgster Bedrängnis durch die Mordmaschinerie der Nazis gerettet. Beide werden in Israel als "Gerechte unter den Völkern" in der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem geehrt. Gräbe war Manager einer Solinger Baufirma in der Ukraine. Seine Stellung beim Eisenbahnbau nutzte er dazu, tausende Juden mit falschen Papieren auszustatten, als Arbeitskräfte einzusetzen und so vor dem sicheren Tod in Vernichtungslagern zu bewahren. Später sagte Gräbe vor dem Kriegsverbrechertribunal in Nürnberg aus und wurde dafür als "Vaterlandsverräter" beschimpft.

(RP)
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