Solingen: Viele Schicksale in einem Raum vereint

Solingen: Viele Schicksale in einem Raum vereint

"41 000 Kilometer - Flucht nach Europa" heißt die Ausstellung mit Bildern des Pulitzer-Preisträgers Daniel Etter.

Im ersten Moment mutet die Szenerie beinahe romantisch an: Ein Mann, der dem Betrachter den Rücken zudreht, blickt in der Abenddämmerung von einem Hügel hinab auf eine glitzernde Stadt, dahinter grenzt das blaue Meer an den Horizont. Tatsächlich jedoch geht es auf diesem Foto nicht etwa um Entspannung und Urlaubsgefühle, sondern um Verzweiflung und Sehnsüchte. Denn bei besagtem Küstenort handelt es sich um die spanische Exklave Melilla auf afrikanischem Boden - und für den Unbekannten auf dem Hügel steht sie für den Aufbruch in eine andere, mutmaßlich bessere und sicherere Welt. Und obwohl scheinbar ganz nah, ist sie eine für viele Menschen unerreichbare Festung.

Die Schicksale von Flüchtlingen aus Afrika oder Asien auf ihrem Weg nach Europa dokumentiert der gebürtige Solinger Daniel Etter in seiner Foto-Ausstellung, die gestern in der neuen Südpark Galerie für zeitgenössische Kunst in den Güterhallen eröffnet wurde. Der Titel "41 000 Kilometer" steht dabei für die Außengrenzen der Europäischen Union. Alle 19 Aufnahmen zeigen verschiedene Aspekte der Flucht - und sie sind in der Galerie sortiert nach den Ländern, in denen sie der renommierte Fotojournalist schoss: Zu sehen sind darauf zum Beispiel Menschen, die in einem libyschen Flüchtlingsgefängnis wie Tiere in Käfigen gehalten werden. Oder die Wand in einem solchen Verlies, auf der sich ein Flüchtling in Anspielung auf einen Hip Hop-Song mit dem bezeichnenden Satz verewigte: "Get free or die trying", zu deutsch: "Werde frei oder stirb beim Versuch." Auf anderen Fotos ist die Kälte im Nachtlager auf der Balkanroute förmlich spürbar. Und wieder andere zeigen die Ankunft entkräfteter Menschen am Strand der griechischen Ägäis-Insel Kos: Eines davon, die Aufnahme des irakischen Familienvaters Laith Majid, der weinend seine Familie an sich drückt, ging um die Welt - und erntete im vergangenen Jahr den international begehrten Pulitzer-Preis.

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Entstanden war das Foto im Rahmen einer Reportage für die "New York Times". Den Moment der Aufnahme bezeichnete der 35-Jährige, der in Barcelona und Köln lebt, später in einem Interview als den "emotionalsten meiner Karriere." Seit 2012 hält Daniel Etter die Schicksale von Flüchtlingen an den europäischen Grenzen auf Fotografien fest - für den "Spiegel", die "Zeit" oder die "Süddeutsche Zeitung".

Seit gestern sind die ausdrucksstarken Bilder mitsamt Kommentar nun also auch in seiner Heimatstadt zu sehen. Nur wenige Meter vom Ort der Ausstellung entfernt wurde dem auch vor der Übergabe des Pulitzer-Preises bereits mehrfach ausgezeichneten Fotograf und Autor eine weitere Anerkennung zuteil: Oberbürgermeister Tim Kurzbach kürte ihn im Restaurant Stückgut zum "Solingen Botschafter." Begleitend zur Ausstellung wird in der Südpark Galerie in den nächsten vier Wochen auch der Film "Fluch des Krieges" zu sehen sein, den der in Solingen lebende Syrer Ala`a Abohaweya drehte.

(ied)
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