Solingen: Verschwinden in Raum und Zeit

Solingen: Verschwinden in Raum und Zeit

Sabine Bohn stellt in der Galerie SK aus. Eröffnung ist morgen um 12 Uhr.

"Stages of gaze und haze" - so nennt Sabine Bohn ihre in den letzten beiden Jahren entstandenen Bilder. Die studierte Anglistin, die zweisprachig aufgewachsen ist, spielt mit dem Titel der Ausstellung in der Galerie SK unmittelbar auf ihr aktuelles Kernthema an: den Blick auf das kontinuierliche Verschwinden in Raum und Zeit. "Es entstanden Bilder, die den Blick des Betrachters schärfen (gaze) sollen und in denen die Unschärfe (haze) selbst Motiv ist," erläutert die Künstlerin.

Was Sabine Bohn ihrem Publikum anbietet, ist ein existenzielles Thema: Auseinandersetzung mit Alter, Krankheit und Tod, mit dem Verblassen von Erinnerung und dem kontinuierlichen Schwinden der individuellen Persönlichkeit. Sabine Bohn malt seit Dezember 2017 ihre an Demenz erkrankte Mutter. Doch die Bilder sind nicht schwermütig, traurig oder bedrückend. Sie sind hell, durchlässig mit einer positiven Ausstrahlung. Eine Reihe von fünf überlebensgroßen Porträts der Mutter bildet das Zentrum der Ausstellung. Die angeschnittenen Gesichter frontal und im Dreiviertelprofil zeigen eine selbstbewusste ältere Frau in leuchtend bunter Kleidung, doch ihre helle Haut und ihr weißes Haar heben sich kaum noch vom weißen Untergrund der Leinwand ab, scheinen stellenweise bereits mit ihr zu verschmelzen. Ein Verschwinden in Raum und Zeit.

Die Klarheit, die durch die satt aufgetragene Ölfarbe suggeriert wird, nimmt in den körperlichen Partien rapide ab. "Die Person wird undeutlicher", sagt Sabine Bohn, "das bewegt mich sehr".

Die Erfahrung des Alters und der sich verändernden Lebensphasen, die auch die Künstlerin selbst gerade nach Eintritt aus dem aktiven Lehrerberuf in den Ruhestand durchlebt, erweitern thematisch den autobiografischen Ansatz, der sich in den Arbeiten spiegelt. "Haze bedeutet auch die Ungeklärtheit dessen, was danach kommt", erläutert die Malerin. Sie verarbeitet ihre Eindrücke, die sie in Fotoalben gesammelt hat: Ihre Mutter als junges Mädchen, die erwartungsvoll einen Berg besteigt, oder das Kind, das hinter einem Vorhang heraustritt.

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Auch die Bilder der Menschen, denen sie während ihres Aufenthalts in Kanada begegnet ist, verblassen mehr und mehr. Die Unschärfe wird bei Bohn zum verbindenden gestalterischen Element, ob sie den blassen Gast "pallid guest" im verlorenen Profil malt oder den kleinen Sohn "J.P." der kanadischen Gastfamilie, den sie betreut hat.

Die Farbe ist dünnflüssig, die Intensität gering, die Formen nur angedeutet, so als würde der Untergrund die Farbe einsaugen. Dabei wirken die Bildergebnisse äußerst zart und zerbrechlich. Farbsprenkel und satte Pinselabdrücke, über die Bildebene verteilt oder unvermittelt ins Format gesetzt, betonen den freien Malprozess und emanzipieren die figürlichen Bildmotive von ihrer fotografischen Vorlage. Spielerisch experimentell auch die Bilder, in denen Sabine Bohn abstrakte Farbkleckse zu ungewöhnlichen Kopfbedeckungen umdeutet.

In der oberen Etage der Galerie findet der Besucher einige farbstärkere Bilder, die an frühere Arbeiten der Malerin erinnern. "Ich bin nicht aus einem Guss", gesteht Sabine Bohn, "ich muss verschiedene gestalterische Möglichkeiten oft zeitgleich erproben".

(RP)
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