Verlängerung der S1 macht für Solingen keinen Sinn

Zukunft des ÖPNV : Kirchturmdenken bremst Zugverkehr aus

Analyse Zu einem intelligenten Verkehrsmix der Zukunft gehören nicht nur alle Verkehrsträger, sondern auch ein regionales Gesamtkonzept. Eine Verlängerung der S 1 bis Leverkusen führt jedenfalls nicht zum Ziel, die Situation für die Pendler zu verbessern.

Es ist noch nicht allzu lange her, da trafen sich im Bürgersaal der Solinger Stadtkirche die Vertreter von rund 20 Kommunen beziehungsweise Gebietskörperschaften der Umgebung, um vom vierten Stock des Gotteshauses in der City ein starkes Signal hinaus in die Region zu senden. Fortan, so der erklärte Wille von damals, sollten die Nachbarn im Bergischen Land und an der Rheinschiene vor allem in Sachen Verkehr an einem gemeinsamen Strang ziehen.

Ungefähr zwei Jahre sind seit diesem denkwürdigen Tage mittlerweile ins Land gezogen. Und tatsächlich haben die Verantwortlichen in der Zwischenzeit durchaus einiges bewegt. So wird demnächst beispielsweise unter Federführung Solingens genau untersucht, wie die verkehrliche Infrastruktur sprichwörtlich auf neue Gleise gehoben werden kann – auf dass das große Ziel der Kommunen, den eigenen Bürgern bis zum Jahr 2030 „eine halbe Stunde mehr Zeit“ zu gönnen, erreicht werden möge.

Ob die Menschen allerdings so schnell in einen solchen Genuss kommen werden, bleibt bis auf Weiteres erst einmal abzuwarten. Denn ganz geräuschlos wie einst versprochen läuft die Kooperation zwischen Rhein und Wupper noch keineswegs. Im Gegenteil, einstweilen drängt sich sogar der Eindruck auf, wonach einige der lieben Nachbarn die neue Gemeinsamkeit hauptsächlich dazu nutzen, sich selbst einen Vorteil zu verschaffen.

Beispiel gefällig? Man nehme nur einmal den Vorstoß aus Leverkusen in den zurückliegenden Tagen, die S-Bahn-Linie S1 in Zukunft über Solingen hinaus bis nach Opladen zu verlängern. Was, mit Verlaub, aus Sicht der Klingenstadt alles, aber gewiss kein Vorteil wäre. Denn schließlich gibt es auf der Strecke wegen der von den Zügen zu bewältigenden Distanz vom Ruhrgebiet bis nach Solingen aktuell schon reichlich Verspätungen. Und die würden sicher nicht weniger, wenn weitere Haltepunkte in Richtung Leverkusen dazu kämen.

Nun kann man argumentieren, dies sei das Problem der Leverkusener selbst. Denn immerhin haben die Solinger die S-Bahn ja spätestens in Ohligs verlassen, so dass sie von den dann noch folgenden Zeitverzögerungen nicht mehr betroffen sein werden. Doch zum einen würden zusätzliche Verspätungen den ohnehin unzuverlässigen Fahrplan der S 1 noch schlimmer durcheinander wirbeln als bereits heute. Und zum zweiten würde die zuletzt von Solingen angestoßene und im Sinne der Gesamtregion auf den Weg gebrachte Idee eines dritten Bahngleises zwischen Ohligs und Köln auf diese Weise von Beginn an ad absurdum geführt.

Selbstverständlich müsste ein solches drittes Gleis, sollte es dereinst tatsächlich kommen, dem Nahverkehr dienen. Aber doch nicht dadurch, dass eine sowieso wackelige weil überdimensionierte S-Bahn-Verbindung noch fragiler wird. Vielmehr sollte es das Ziel sein, mittels der neuen Schienen mehr Regionalbahnen oder -expresse auf Reisen zu schicken.

Dabei ist der Hintergrund der Leverkusener Idee sogar nachvollziehbar. In der Farbenstadt will man – neben dem S 6-Direktanschluss von Leverkusen-Mitte nach Düsseldorf – eine zusätzliche durchgehende Schienenverbindung vom eigenen, wachsenden Stadtteilzentrum Opladen in Richtung Landeshauptstadt. Zumal man diesbezüglich mit der Unterstützung Leichlingens rechnen kann, das ebenfalls profitieren würde.

Allein, im Sinne des regionalen Ganzen sind solche Überlegungen kontraproduktiv. Weit wichtiger wäre es, ein anderes Problem anzugehen. Aus bergischer Sicht würde es jedenfalls mehr von Vorteil sein, die S 7 durchgehend nach Düsseldorf zu verlängern. Denn so würden Pendler aus Remscheid beziehungsweise Solingen-Mitte in den Genuss eines wirklich leistungsfähigeren ÖPNV gelangen.

Was wiederum der Verkehrsverbund Rhein-Ruhr (VRR) nicht will und was – zugegebenermaßen – auch auf einer Art Egoismus (diesmal aus Solingen) basiert. Indes braucht das am Ende für niemanden ein Nachteil sein. Im Gegenteil, es kommt nämlich darauf an, die unterschiedlichen Bedürfnisse der verschiedenen Städte zukünftig so zu koordinieren, dass perspektivisch alle etwas davon haben.

Statt Schnellschüsse wie den Ruf nach einer längeren S 1 abzufeuern, ist es das Gebot der Stunde, dem VRR geschlossen mit Vorschlägen entgegenzutreten. Wozu etwa eine Verkürzung eben der S1 sowie auch der S 6 im Interesse sämtlicher Städte zählen würde. Was wiederum beweist, dass Kooperation Not tut. Damit Signale von Kirchtürmen nicht in Kirchturmdenken enden – und neue Gleise in die Zukunft führen.

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