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Serie Mein Verein: Über Bürgersteige oder die "Autobahn" ?

Serie Mein Verein : Über Bürgersteige oder die "Autobahn" ?

Der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club hat in Solingen rund 300 Mitglieder. Beisitzer Joachim Bruns engagiert sich besonders.

Der "Kulturschock" kam im Jahr 2000. Da zog Joachim Bruns aus Erlangen, "der Fahrradstadt überhaupt", nach Solingen. "Zur eigenen Sicherheit bin ich wieder über die Bürgersteige gefahren", erinnert sich der heute 59-Jährige, der damals oft seinen einjährigen Sohn dabei hatte. Also engagierte sich der Elektro-Ingenieur, ADFC-Mitglied der ersten Stunde, auch im bergigen Land im Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Club. Der hat im Kreisverband Wuppertal / Solingen rund 1000 Mitglieder, von denen etwa 300 aus der Klingenstadt kommen.

"Es boomt", sagt Bruns. "Das hat vor allem die Korkenziehertrasse ausgelöst." In der Familie des gebürtigen Gelsenkircheners sind alle mit dem Rad unterwegs: die Ehefrau mit dem Pedelec, die beiden Söhne und der Vater noch mit reiner Muskelkraft. Joachim Bruns nimmt das Rad, wenn er von Ohligs zu seiner Arbeitsstelle nach Langenfeld oder zum Fußballtraining nach Aufderhöhe muss. "Der 2007 entwickelte Fahrrad-Stadtplan hat mich außerdem motiviert, auch in der ganzen Stadt oft auf zwei Rädern unterwegs zu sein."

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Und das im ganzen Jahr. Bruns hat noch Reifen mit Spikes in der Garage, musste sie wegen milder Winter aber kaum aufziehen. Bei seinem "Bergischen Tourenprogramm", an dem auch Nichtmitglieder teilnehmen können, nimmt der ADFC dagegen schon einmal Rücksicht auf die Witterung. Am 9. November heißt es nur dann "Warm anziehen !" für den Weg zur Eisdiele nach Hösel, wenn das Wetter mitspielt: "Wenn's draußen Eis gibt, dann bleiben wir zu Hause."

Zu Hause würden momentan gerne viele Pendler bleiben, die sonst von Wuppertal mit der Bahn nach Köln oder Düsseldorf fahren. Ihnen hat der ADFC im Juli ein besonderes Angebot gemacht und Radrouten ausgeschildert. "Die Entfernung von Vohwinkel nach Ohligs zum Hauptbahnhof ist mit gut zwölf Kilometern kürzer, als man vermuten würde", warb der Verein für die Strecke über Haan. "Mit etwa 80 Höhenmetern in Richtung Ohligs und 130 in Richtung Wuppertal ist sie auch für weniger geübte Radler gut zu bewältigen."

"Viele nehmen sonst ihr Rad im Zug mit", erläutert Bruns. "Als wir alles so schön ausgearbeitet hatten, war es allerdings ein bisschen ein Schock, als die Bahn die Schließung der Übergänge ankündigte." Denn die ausgesuchte, möglichst autofreie und ebene Strecke führt zum Teil links und zum Teil rechts an der Bahnstrecke vorbei. Zum Glück sind die Übergänge aber für Radler und Fußgänger die meiste Zeit offen. Nur für die kurzen Zeiten der kompletten Sperrung entwickelte man beim ADFC alternative Streckenführungen.

An denen tüfteln einige Vereinsmitglieder auch für das ganze Radwegenetz in der Stadt und der Region. "Von unseren rund 300 Solinger Mitgliedern sind etwa zehn wirklich aktiv", sagt Vorstandsmitglied Bruns. Sie engagieren sich beispielsweise beim Runden Tisch Radverkehr und arbeiten an der Umsetzung des 2007 ins Leben gerufenen und 2011 von der Politik beschlossenen Radverkehrskonzepts mit. Bei den Treffen geht es beispielsweise um eine bessere Anbindung der Korkenziehertrasse an Merscheid und Ohligs. "Eine Überlegung ist, die Strecke an der Stadtautobahn vorbeizuführen", berichtet der Ohligser.

"Autobahnen" für Radfahrer sind in anderen Teilen der Republik längst Realität. Beim bergischen ADFC verfolgt man mit großem Interesse den geplanten Radschnellweg von Hilden nach Düsseldorf. "Fördermittel in Höhe von 50 Millionen Euro sind zugesagt, um beispielsweise Kreuzungen untertunneln zu können", erzählt Joachim Bruns. "Für uns geht es darum, wie wir die Zufahrt von Solingen aus verbessern können." In Bruns' alter Heimat im Ruhrgebiet gibt es bereits den RS1 als Vorzeigeprojekt. "Pedelecs fahren schneller und brauchen mehr Platz", erklärt er die dortige Radwegbreite von vier Metern.

Die Korkenziehertrasse ist schmaler. Seit der Jahrtausendwende hat sich aber auch in Solingen einiges verbessert. "Der Fokus hat sich stärker auf den Radverkehr gelegt", lobt Bruns. "Es wird mehr für die Sicherheit der Radfahrer getan. Helfen würde allerdings auch die Öffnung von mehr Einbahnstraßen. Und es wäre schön, wenn die Autofahrer beim Überholen anderthalb Meter Abstand hielten. Oft ist man ja schon froh, wenn es wenigstens ein Meter ist."

Der ADFC ist deshalb auch ständig als Mahner unterwegs. Joachim Bruns und die anderen ADFC-Aktiven legen nicht nur regelmäßig neue Fahrradkarten in Infokästen am Engelsberger Hof und am Theegarten, sondern verteilen auch gerade Karten "Bitte so nicht !". Dabei geht es um das verbotene Parken auf Rad- und Gehwegen. Unterstützt wird zudem das Projekt "Velofit - Fahrradfreundliche Schule", auch mit Blick auf den eigenen Nachwuchs. Bruns: "Wir versuchen wie alle Vereine, mehr Jugendliche zu aktivieren".

(flm)