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Taschenoperfestival Salzburg gastierte in Solingen

Taschenoperfestival in Solingen : Ein perfekt orchestrierter Albtraum

Das Taschenopernfestival Salzburg 2017 unter dem Titel „Zeig mir dein Fleisch“ fesselte die Besucher im Solinger Theater.

Auch wenn der Begriff „Taschenopern“ durchaus geeignet wäre, andere Assoziationen zu wecken – leicht und handlich war es nicht, was das Gast-Ensemble dem Publikum im Pina-Bausch-Saal am Mittwochabend präsentierte. Dafür beeindruckte das siebte Taschenopernfestival Salzburg mit atmosphärischer Dichte, wuchtigen, vielfach bedrohlich wirkenden Klängen und beklemmenden Bildern.

Unter dem Titel „Zeig mir dein Fleisch! Über den Wert des Körpers“ verwob Regisseur Thierry Bruehl fünf Opernminiaturen, von denen jede einzelne ein komplexes Gebilde war. Den Auftakt machte „Der Mann mit der Blume im Mund“, mit dem Komponist und Librettist Gerhard E. Winkler mit Sprecher und Bariton den gleichnamigen Einakter Luigi Pirandellos aufgriff: Ein todgeweihter Mann verwickelt darin einen Unbekannten, der gerade seinen Zug verpasst hat, in ein zunehmend verstörendes Gespräch über seine „Lebensgier“. Die Musik dazu verband Motive von Klassik und Schlagern mit sperrigen Klanggebäuden.

Birke J. Bertelsmeiers Musiktheater-Komposition „Gib mir dein“ nach einer Erzählung von Thomas Mann stellte wiederum eine Art modernen Frankenstein in den Mittelpunkt des Geschehens: Ein Arzt plant die Transplantation eines Kopfes. Ethische Bedenken und Fragen nach psychischen und köperlichen Folgen eines solchen Eingriffs überspielt er in seinen wahnwitzigen Ausführungen zwischen Krankenhausbetten stets mit dem mantraartig wiederholten Ausspruch: „It could work.“

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Das Stück „Painted Love“ mit dem Libretto von Wen Liu wiederum zeigte „Fleisch“ als menschliche Ware: Sopranistin und Chor gaben der Prostituierten im Mittelpunkt der losen Handlung eine innere Stimme. In mehrere Episoden aufgeteilt war „Painted Love“ verzahnt mit anderen Elementen des Taschenopernabends.

Morbide und hypnotisch wirkten Gerhard E. Winklers choreografische Studien „Mundbogenrelikte“, die die Zerstörung lokaler Kulturen versinnbildlichten: Zum teilweise verfremdeten Harfenspiel waberten geisterartige graue Gestalten durch den Bühnenraum – und stürzten sich am Ende auf die Musikerin. Geradezu albtraumhaft wirkte Stephan Winklers Musiktheater „Schweres tragend“ mit dem Libretto von Max Goldt: Nervös flirrende Streicher, unvermittelt einfallende Bläser und elektronische Spritzer kontrastierten dabei die fließenden Töne der Sänger, die sich wie in Zeitlupe über die Bühne bewegten – die Sopranistin sogar in einem scheinbar blutverschmierten Kleid.

Als überaus effektvoll erwies sich das in Solingen gefertigte Bühnenbild: Hohe Wände aus rechteckigen, lichtdurchlässigen Segmenten bildeten den Rahmen, dienten als Projektionsfläche für Farben und ermöglichten unheimliche Schattenspiele. Mit im Boot saßen bei der Umsetzung auch andere lokale und regionale Akteure: Mehrere Schüler der Musikschule im Alter zwischen 13 und 21 Jahren standen als Chorsänger und Darsteller auf der Bühne – und erhielten großes Lob vom Regisseur: „Sie haben mit unglaublicher Ernsthaftigkeit und Hingabe gearbeitet.“ Auch das Publikum honorierte das Taschenopernfestival nach zweieinhalb Stunden mit lang anhaltendem Applaus.