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Streit im Treppenhaus in Solingen eskaliert

Berufungsverhandlung vor dem Landgericht : Streit im Treppenhaus in Solingen eskaliert

Irgendwann inmitten der Verhandlung war der Augenblick gekommen, an denen allen Prozessbeteiligten klar wurde: Worum es hier geht ist nichts, womit sich ein Gericht beschäftigen sollte.

Der Streit in einem Mehrfamilienhaus in „Unter St. Clemens“, bei dem die Angeklagte eine Nachbarin geschlagen haben soll, wäre eine Sache für den Schiedsmann gewesen. Aber dafür war es nun zu spät, das Amtsgericht hatte bereits eine Geldstrafe von 900 Euro verhängt und damit war die 48-Jährige absolut nicht einverstanden.

Deren Anwalt berichtete von Tumulten und lautstarken Debatten im Flur des Amtsgerichtes, nachdem dort die Einstellung des Verfahrens und die Zahlung von 600 Euro Geldbuße vorgeschlagen worden war. Nein, eine solche Niederlage habe sie nicht hinnehmen wollen vor Gericht – sie habe schließlich nichts getan. Stattdessen war sie in Berufung gegen das erstinstanzliche Urteil gegangen, und die wurde nun vor dem Landgericht verhandelt.

Aber was war überhaupt passiert an diesem verhängnisvollen Februartag im Jahre 2018, an dem sich die beiden Frauen im Treppenhaus begegnet waren? In der Anklage ist dazu zu lesen, dass die Angeklagte der Nachbarin vorgeworfen haben soll, den Treppenflur nicht richtig zu putzen. Danach soll sie die Geschädigte zweimal mit der Hand geschlagen und deren Wischmob die Treppe herunter getreten haben. In einem Attest ist beim Opfer von Prellungen im Gesicht und am Oberarm die Rede, unter denen die 43-Jährige noch wochenlang gelitten haben will. Ein Hang zur Dramatisierung war schon dem Amtsgericht nicht entgangen, auch die Berufungsrichterin sah die geschilderten Verletzungsfolgen kritisch.

Ganz anders soll sich die Sache aus Sicht der Angeklagten zugetragen haben. Sie sei von der „Putzfrau“ beleidigt worden, die ihr dazu auch noch den Weg durchs Treppenhaus versperrt habe. Noch immer fühle sie sich von dem vermeintlichen Opfer bedroht – erst kürzlich soll ihr die Frau auf der Straße gesagt haben: „Ich reiße Dir den Kopf ab, du Hure.“ In Tränen aufgelöst berichtete sie davon, dass die Geschädigte mittlerweile ins Nebenhaus gezogen sei und sie dort eine Freundin nicht mehr besuchen könne, weil sie Angst vor der „Putzfrau“ habe.

Die Angeklagte war zur Berufungsverhandlung gleich mit zwei Anwälten gekommen – wohlgemerkt, den Wahlverteidiger muss sie zusätzlich zu den Gerichtskosten nun auch noch bezahlen. Und auch der hatte noch vor der Beginn der Verhandlung einen gütlichen Täter-Opfer-Ausgleich vorgeschlagen, um die ganze Sache nicht noch weiter eskalieren zu lassen. Sein Kollege, der als Pflichtverteidiger schon beim Amtsgericht emotionsgeladene Erfahrungen mit der gemeinsamen Mandantin gemacht hatte, hielt das für keine gute Idee: „Da müsste man Polizisten als Mediatoren dazwischen setzen“, war dazu von ihm zu hören. Zwei geladene Zeuginnen waren nicht gekommen und sollen nun an einem zusätzlichen Verhandlungstag gehört werden.