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Stadtradeln in Solingen: Wenn das Radfahren zum Abenteuer wird

Stadtradeln 2020 in Solingen : Wenn das Radfahren zum Abenteuer wird

Viele positive Eindrücke und Erfahrungen haben die „Stadtradeln-Stars“ Lenja Königs, Tobias Krüger und Guido Radtke gesammelt – aber auch zum Teil waghalsige Überholmanöver von Autofahrern haben sie erlebt. Eine persönliche Bilanz.

Knapp 600 Kilometer sind in den letzten drei Wochen beim „Stadtradeln“ zusammengekommen – ganz ohne Auto, ganz ohne (elektronische) Unterstützung. Mal abgesehen von den regelmäßigen Fahrten mit der S-Bahn vom Solinger Hauptbahnhof bis nach Lennep, um sich den Weg zum Redaktionsstandort Wermelskirchen weniger schweißtreibend zu gestalten.

Was nach Ablauf der selbst auferlegten Phase des Verzichts bleibt, ist die Erkenntnis, dass ein motorisiertes Fahrzeug tatsächlich nicht vonnöten ist – vorausgesetzt die Rahmenbedingungen stimmen. Das haben sie im Aktionszeitraum, in dem in Solingen rund 1150 aktive „Stadtradler“ rund 260.000 Kilometer zurückgelegt haben, in vielerlei Hinsicht. Da wäre das sommerliche Wetter, das letztendlich nur an zwei Tagen nicht mitgespielt hat. Und da wären die größtenteils fahrradfreundlichen Strecken auf dem Weg zur Arbeit oder nach Hause.

Was es heißt, nicht auf einer der Trassen oder den vom Autoverkehr weniger frequentierten Nebenstrecken unterwegs zu sein, erlebt man als Radfahrer im Stadtgebiet in vielen Momenten. Höhepunkt einer abendlichen Fahrt auf der markierten Radspur der vor kurzem sanierten Schützenstraße war der Versuch eines Überholmanövers kurz vor einer Mittelinsel. Ich sah den Autofahrer mit seinem Fahrzeug schon in das Hindernis krachen, als er kurzerhand über die Gegenspur den Überholvorgang abschloss.

Ähnliche Erlebnisse hat auch Lenja Königs als „Stadtradeln-Star“ gesammelt. „Es ist erschreckend, wie rücksichtslos sich Autofahrer teilweise gegenüber Radfahrern verhalten“, schreibt die „Fridays for Future“-Aktivistin in ihrem Blog. „Überraschende Überholmanöver gehören bei vielen Automenschen zum Programm.“ Sie habe sich zum Beispiel noch nie getraut, am Schlagbaum über die Straße zu fahren. „Man bekommt teilweise Angst, im Straßenverkehr unterwegs zu sein.“

Morgenpost-Regionalchef Guido Radtke legte in drei Wochen knapp 600 Kilometer zurück. Foto: Kathrin Kellermann

Auch Tobias Krüger, ein weiterer der fünf „Stadtradeln-Stars“, erlebt auf dem Weg zu seiner Arbeitsstelle in Remscheid über Müngsten regelmäßig die spannendsten Überholmanöver auf den überfüllten Straßen – zum Beispiel „in der Kurve, oder schnell noch vor der Ampel“. Ohne Warnweste ist der Erzieher und Gründer der Solinger „Parents 4 Future“ im morgendlichen Berufsverkehr jedenfalls nie unterwegs.

Nichtsdestotrotz bleiben Lenja Königs und Tobias Krüger bekennende Radfahrer. Gleiches gilt für meine Person. Nicht zu letzt, weil zum Glück die Autofahrer in der Überzahl sind, die Rücksicht nehmen, die Geschwindigkeit von Radfahrern einzuschätzen wissen und ihnen Vorfahrt gewähren.

Ich habe nach Abschluss der Aktion den letzten Gültigkeitstag meines Tickets 2000 ausgenutzt, um nicht das Rad-Pensum von jetzt auf gleich von 200 Kilometern pro Woche auf Null zurückzufahren. Die Kosten allerdings stehen in keinem Verhältnis. Für die beim „Stadtradeln“ zurückgelegten Strecken wäre ich mit einer Tankladung Benzin ausgekommen. Die liegt bei durchschnittlich 55 Euro. Dem gegenüber steht ein Monatsticket der Preisstufe B für 122 Euro. Um den Umstieg auf Bus und Bahn attraktiver zu, muss zweifelsohne im ÖPNV etwas passieren.

Meinem Ziel, ein paar Pfunde abzunehmen, bin ich im Übrigen nicht näher gekommen. Ich habe derart Muskeln aufgebaut, dass ich mein Start-Gewicht gehalten habe – trotz Heißhunger auf Schokolade oder ähnlichen Kalorien am Abend. Dafür aber stimmt jetzt die Kondition. Und das ist auch verdammt viel wert.

Der Autor Guido Radtke (49), Leitender Regionalredakteur der Solinger Morgenpost / Bergischen Morgenpost berichtete drei Wochen lang von seinen Erfahrungen und Eindrücken als „Stadtradeln-Star“.