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Stadtradeln in Solingen: Wenn das Rad die schlechtere Alternative ist

Stadtradeln in Solingen : Momente der schlechteren Alternative

Beim „Stadtradeln“ verzichtet Morgenpost-Chef Guido Radtke aufs Auto. Nur in wenigen Situationen hat er sich bislang gewünscht, sich doch ans Steuer statt auf den Sattel zu setzen.

Nachbarn und Kollegen haben ein falsches Bild von mir als Radfahrer-Typ. Ich bin weit davon entfernt, ein „Halbprofi“ zu sein. Ich bin weiterhin ein Genussfahrer, auch wenn ich in den zurückliegenden Monaten meine Leidenschaft fürs Fahrrad neu entdeckt und auch mein Gefährt mit einem neuen Sattel und Klickpedalen aufgerüstet habe. 

Seit anderthalb Wochen steht das Auto nun schon unangetastet unter der Brücke geparkt. Und ich gebe zu, dass der erklärte dreiwöchige Verzicht im Rahmen des „Stadtradelns“ bewirkt hat, dass das Benzin betriebene Fahrzeug völlig in Vergessenheit geraten ist und bei der Tagesplanung als Option überhaupt keine Rolle spielt. Knapp 300 zurückgelegte Kilometer stehen nach zehn Tagen auf dem „Stadtradeln“-Tacho. Und es macht immer noch Spaß, jeden Tag aufs neue in die Pedale zu treten – sei es zur Arbeit, zum Einkaufen oder bei einer Freizeittour über den Panorama-Radweg nach Velbert. Vermutlich würde das anders aussehen, wenn sich das Wetter von einer anderen Seite zeigen würde.

Nichtsdestotrotz gibt es diese Momente, an denen sich das Fahrrad als schlechtere Alternative zum Auto erweist – und man als „Stadtradel-Star“ darüber nachdenkt, seinen Status aufzugeben. Nicht aus Bequemlichkeit, sondern unter den Gesichtspunkten des Zeitverlustes und der Sicherheit.

Von Ohligs nach Wermelskirchen beträgt die Fahrzeit mit dem Auto im Durchschnitt 35 bis 40 Minuten, mit Fahrrad und der S-Bahn 7 als unterstützendes Transportmittel über Lennep knapp eine Stunde. Vorausgesetzt, die Züge fahren wie geplant. Es ist schlecht für die Motivation, wenn gleich an zwei Tagen in Folge Züge wegen technischer Störung auf der Strecke ausfallen oder mit derart großer Verspätung unterwegs sind, dass sich der Weg von Haus- zu Bürotür um 20 bis 45 Minuten verlängert. Ich war kurz davor, wieder nach Hause zu fahren, das Fahrrad in der Garage abzustellen und doch das Auto zu nehmen.

Morgenpost-Regionalchef Guido Radtke verzichtet als einer von fünf „Stadtradeln-Stars“in Solingen derzeit aufs Auto. Foto: Guido Radtke

Dieser Verlockung widerstanden habe ich im Übrigen auch am Tag der Kommunalwahl, obwohl alle an meine Vernunft appelliert haben, nach Redaktionsschluss weit nach 23 Uhr und bei tiefster Dunkelheit nicht mehr aufs Fahrrad zu steigen. Sonst bewege ich mich ausschließlich mit Muskelkraft fort. Als Kompromiss habe ich an diesem Tag ausnahmsweise das E-Bike meiner Frau gewählt – inklusive voll geladenem Akku und bester Beleuchtung.

Ein leicht mulmiges Gefühl blieb dennoch angesichts der unbeleuchteten Abschnitte auf der Burgtalstraße zwischen Schloss Burg und dem Kreuzungsbereich am Burger Bahnhof sowie zwischen Unterburg und Dorperhof. An der Burger Höhe war schließlich erst im Juni ein Radfahrer bei einem Unfall schwer verletzt worden – bei Tageslicht.

Von Autofahrern, die nachts bekanntlich gerne etwas schneller als erlaubt unterwegs sind, war in dieser Nacht zum Glück nichts zu sehen. Auf dem 21 Kilometer langen Heimweg überholten mich lediglich vier Fahrzeuge – nicht ein einziges zwischen Wermelskirchen und Krahenhöhe. Die nächtliche Fahrt gestaltete sich so entspannter als gedacht – auch dank der zuschaltbaren Unterstützung.

Zur Person Guido Radtke (49), Leitender Regionalredakteur der Solinger Morgenpost / Bergischen Morgenpost, berichtet bis Ende September regelmäßig vom Stadtradeln in Solingen.