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Fußball: Neue Kraft wird in Solingen getankt

Fußball : Neue Kraft wird in Solingen getankt

Der 23-Jährige hat in Österreich bei Red Bull Salzburg Fuß gefasst. Der slowenische Fußballer des Jahres spricht im Interview über die unerwartete Auszeichnung, die Familie und den Leistungsdruck sowie seiner Leidenschaft zum Angeln.

Herzlichen Glückwunsch, Herr Kampl. Sie sind im Januar zu Sloweniens Fußballer des Jahres 2013 gewählt worden, Wie haben Sie davon erfahren ?

KAMPL Ich habe einen Tag vor der Entscheidung im Urlaub in Solingen davon erfahren. Ich saß mit meinem Vater auf der Couch, als sie angerufen haben. Da war ich erst mal überwältigt, weil ich damit nicht gerechnet hatte. Ich bin ja erst seit einem Jahr Stammspieler in der Nationalmannschaft. Das ging alles so schnell. Das war unfassbar für mich und meine Familie.

Sie haben bei der Wahl namhafte Spieler wie Samir Handanovic oder Milivoje Novakovic hinter sich gelassen. Wie fühlt sich das an ?

KAMPL Das ist unbeschreiblich schön. Ich habe gedacht, es wird bestimmt Samir Handanovic (mehrfacher Fußballer des Jahres in Slowenien / Anmerkung d. Red.). Und dann wurde mir gesagt, dass ich mit großem Vorsprung gewählt worden bin. Das war einer der schönsten Momente in meinem Leben bisher. Vor zwei Jahren habe ich noch in der Dritten Liga gespielt, und jetzt wandelt sich das alles so schnell.

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Ein Teil Ihrer Familie lebt in Solingen, ein Teil in Slowenien. Sie sind hier aufgewachsen und haben sich für Sloweniens Nationalmannschaft entschieden. Wo ist Ihre Heimat ?

KAMPL Den größten Teil meiner Kindheit habe ich in Deutschland verbracht. Das sehe ich schon als meine Heimat, nichtsdestotrotz liegen meine Wurzeln woanders. Da in meiner Familie alle die slowenische Staatsangehörigkeit haben und wir mehrmals im Jahr in Slowenien waren, bin ich zweisprachig aufgewachsen. Deswegen sehe ich Slowenien schon als mein Vaterland, für das ich auch spielen will. Auch wenn es ein kleineres Land ist und es schwieriger ist, sich für eine Welt- oder Europameisterschaft zu qualifizieren.

Fühlen Sie sich zu 100 Prozent als Slowene oder ist ein Teil von Ihnen auch Deutscher ?

KAMPL Ich habe 20 Jahre in Deutschland gelebt. Deswegen bin ich auch zu einem großen Teil Deutscher. In meinem Herzen aber fühle ich mich zu Slowenien hingezogen und als ganzer Slowene.

Wie ist das in der Nationalmannschaft: Macht es für die Fans und Mitspieler einen Unterschied, dass Sie aus Deutschland stammen ?

KAMPL Überhaupt nicht. Ich wurde von den Spielern und den Fans super aufgenommen. Die fanden das eher schön, dass ich mich zu Slowenien bekannt habe.

Es war ja sicher nicht immer klar, dass Sie Fußballprofi werden. Was wollten Sie als Kind oder Jugendlicher werden ?

Kampl Doch das wollte ich schon immer. Das war mein großer Traum. Ich wusste, dass ich das am besten kann. Deshalb habe ich alles daran gesetzt und hart dafür gekämpft, Fußballer zu werden.

Sie waren schon als Siebenjähriger in der Jugend von Bayer Leverkusen. Wie haben Schule und Training unter einen Hut gepasst ?

Kampl Am Anfang ging das noch ganz gut. Aber wenn du älter wirst, ist irgendwann jeden Tag Training. Dazu kamen internationale Turniere in Italien, Griechenland, Spanien, wo ich dann eine Woche lang weg war. Dann hatte ich nicht mehr so viel Zeit, mich auf die Schule zu konzentrieren, so dass ich mich irgendwann entscheiden musste, ob ich den Fokus voll auf Fußball legen will. Das war natürlich ein riesiges Risiko. Aber ich wollte diese Chance unbedingt nutzen — und bin froh, dass ich mich so entschieden hab.

Wann haben Sie sich das Ziel gesetzt, unbedingt Profi zu werden?

Kampl Als ich nach Leverkusen gewechselt bin, waren wir mit elf, zwölf Jahren Balljungen im Stadion. Und wenn du da siehst, wie schön das ist, vor damals noch 22 000 Leuten zu spielen. Da hab ich mir das Ziel gesetzt, das auch schaffen zu wollen. Den Traum hab ich mir Gott sei Dank erfüllt.

Welchen Einfluss hatten Ihre beiden älteren Brüder, die auch Fußballer in Solingen waren ?

Kampl Wir haben viel Zeit auf dem Bolzplatz verbracht. Mein ältester Bruder hat sich ins Tor gestellt, und ich musste meistens gegen drei, vier Andere allein spielen. Das bringt dann schon viel. Meine Familie hat mir sehr viel geholfen. Allein, dass sie mich jeden Tag nach Leverkusen gefahren haben. Meine Mutter hat mit 50 Jahren noch den Führerschein gemacht, damit sie mich fahren konnte. Sie war die älteste Fahrschülerin, die jemals in dieser Fahrschule war.

Was haben Sie charakterlich vom Kicken mit den Brüdern mitgenommen?

Kampl Meine Brüder sind ja wesentlich älter als ich. Da hast du nicht nur einen Vater, der hinguckt. Da bleibt nicht so viel Zeit, um Dummheiten zu machen und sich von seinen Zielen abbringen zu lassen. Da kriegt man den nötigen Respekt mit auf den Weg.

Wofür ist Respekt wichtig ?

Kampl Das ganze Fußballerleben musst du respektieren und genießen. Das ist einer der schönsten Berufe, den du haben kannst. Ich weiß, dass so was schnell zu Ende sein kann.

Auf Profifußballern lastet ein enormer Druck. Wie gehen Sie mit diesem um ?

KAMPL Es gibt positiven und weniger positiven Druck. Wenn du Konkurrenzkampf in der Mannschaft hast, finde ich das eigentlich ganz gut. Aber es gibt auch negative Sachen, manchmal erzeugt durch die Medien oder durch Leistungsdruck, wenn du in einem Loch bist. Dann ist es schwer, wieder rauszukommen. Immer öfter sieht man, dass auch Fußballer psychisch nicht mehr können. Das ist eine Riesengefahr. Viele Leute denken, dass das ein einfacher Beruf ist, aber es ist ein immenser mentaler Druck, weil du immer Leistung bringen musst. Es geht so schnell, dass ein Anderer deine Position einnimmt oder dass du nicht mehr rankommst an die Mannschaft. Solche Sachen gehen einem oft durch den Kopf.

Gibt es bei Red Bull Salzburg Mentaltrainer. Oder sorgt jeder für sich selbst ?

KAMPL Wir haben jemanden, der ein Auge drauf wirft und guckt, dass das alles in Ordnung ist, wenn jemand Probleme hat, auch familiär. Es kann immer vorkommen, das Spieler privat nicht zufrieden mit ihrem Leben sind. Da gibt es Leute, mit denen du offen reden kannst — da gerät nichts an die Öffentlichkeit.

Was muss man als Profi mitbringen, um erfolgreich zu sein — vom Kopf her?

KAMPL Du musst mental einiges aushalten können. Es gibt viele Zeiten, wo du auf der Kippe stehst und stark sein musst. Durchhaltevermögen brauchst du auf jeden Fall. Und Kampfgeist. Ich hatte das Glück, dass wir in Leverkusen darauf vorbereitet worden sind. So hatte ich eine Vorstellung davon, was auf mich zukommt.

Wo wir gerade über die Stärken und das Starksein gesprochen haben: Wo liegen Ihre Schwächen, sportlich und menschlich?

KAMPL Ich muss auf jeden Fall mein Kopfballspiel verbessern und auch meinen linken Fuß. Mental bin ich eigentlich sehr stark. Manchmal ist aber es für mich schwer, dass die Familie so weit entfernt ist. Das ist die erste Station, wo ich so extrem weit von der Familie weg bin, und wenn du vorher immer bei deiner Familie bist, dann ist es schon ein bisschen schwer. Am Anfang war das eine Riesenumstellung, da habe ich mir viele Gedanken gemacht und war auch mit dem Kopf woanders, aber mittlerweile ist es besser geworden.

Haben Sie noch Kontakt zu Freunden oder Mitspielern aus Solingen ?

KAMPL Zu allen meinen Freunden aus Solingen habe ich noch Kontakt. Ich bin auch oft noch da, wenn wir mal frei haben. Es gibt Direktflüge von Salzburg nach Düsseldorf, auch wenn es nur ein Tag ist. Das bringt mir sehr viel, um Kraft zu tanken.

Freundschaften unter Fußballern, gibt es das überhaupt ?

KAMPL Ich finde schon, dass es die gibt. Aber nicht sehr oft. Ich habe schon Einige aus meinen bisherigen Stationen, wo ich wirklich sagen konnte, das ist mein Freund. Natürlich sind Freundschaften im Fußball nicht immer sehr gut. Man spielt halt immer nur zusammen und unternimmt nicht so viele private Dinge. Hier in Salzburg haben wir eine Truppe, wo jeder dasselbe erreichen will. Das kannte ich so bisher nicht. Das merkt man an der Stimmung und im Training. Da will keiner sein eigenes Ding machen.

Gibt es Freundschaften über den Beruf hinaus ? Oder spielt nicht immer der Gedanke eine Rolle, dass jeder auch ein Konkurrent ist ?

KAMPL Das bleibt irgendwo immer. Natürlich habe ich hier auch Freunde; zwei, drei Leute, mit denen ich privat etwas mache. Ich gehe zum Beispiel mit Alan (Stürmer Alan de Carvalho / Anm. d. Red.) sehr oft angeln. Das ist unser Hobby. Rund um Salzburg gibt es viele Seen, da sitzen wir öfter mal den ganzen Tag und fischen. Da ist nicht die ganze Zeit der Konkurrenzkampf im Kopf. Gerade die Leute, die aus dem Ausland kommen, die brauchen so etwas. Du musst Leute finden, mit denen du privat etwas machen kannst, damit du nicht die ganze Zeit alleine bist.

Wenn Sie eine Zwischenbilanz ziehen: Unter welchem Trainer haben Sie den größten Sprung gemacht ?

KAMPL Leverkusen habe ich viel zu verdanken. Aber den allergrößten Schritt habe ich bei Red Bull Salzburg gemacht. Es wird hier eine Art von Fußball gespielt, die mir sehr liegt. Ich habe mich auch menschlich und charakterlich weiterentwickelt.

Hat Roger Schmidt noch Fähigkeiten entdeckt, die Sie noch nicht kannten?

KAMPL Ich glaube einfach, dass ich mehr Selbstvertrauen habe. Damals, als ich mit 17 bei Bayer Leverkusen zu den Profis gekommen bin, hatte ich Ballack, Bender oder Rolfes auf meiner Position vor mir und mir nicht so viel zugetraut. Die zwei, drei Jahre habe ich noch gebraucht, um zu reifen. Nun fühle ich mich auch im Kopf freier.

Ein Blick auf die sportlichen Aussichten mit Red Bull Salzburg: In der Meisterschaft stehen sie mit großem Vorsprung an der Spitze, im Pokal im Viertelfinale. Im Sechzehntel-Finale der Europa League geht es gegen Ajax Amsterdam. Wie schätzen Sie die Chancen ein ?

KAMPL Es wird extrem schwierig, das größte Highlight in der Saison. Gerade in Amsterdam müssen wir versuchen, ein gutes Ergebnis zu schaffen, das wird eine tolle Atmosphäre dort vor 50 000. Aber wenn wir unseren Fußball spielen mit diesem Pressing, wird Ajax sicherlich etwas überrascht sein, weil nicht viele Mannschaften so agieren. Dann werden wir auch unsere Chance haben.

BENJAMIN DRESEN FÜHRTE DAS GESPRÄCH

(RP)