Erst der letzte Schuss wackelte

Erst der letzte Schuss wackelte

Mit 105,2 Ringen im Luftgewehr-Finale schrammte Jessica Mager im Einzel als Bronzemedaillen-Gewinnerin nicht nur knapp am Europameister-Titel, sondern auch an einem neuen Weltrekord vorbei. Mit dem Team aber gab's Gold.

Der Respekt war groß vor der Konkurrenz bei den Europameisterschaften der Sportschützen im norwegischen Meraker. "Da siehst du all die Gesichter, kennst die Namen dazu und weißt, dass du gegen jahrelange Erfahrung und viele, viele Erfolge schießt." Das hatte sich Jessica Mager gedacht, bevor sie den ersten Schuss mit ihrem Luftgewehr abgegeben hat. Nach dem Gewinn der Bronzemedaille im Einzelwettbewerb sowie des EM-Titels mit der deutschen Mannschaft zählt die 21-Jährige auf einmal selbst zur Weltspitze in der Damen-Klasse, der sie erst seit einem Jahr angehört.

Neben Sonja Pfeilschifter (Ismaning) und Beate Gauß (Ubstadt) war die Solingerin bislang das Küken des deutsche Teams gewesen. "Ich glaube, für Sonja werde ich das wohl ewig bleiben" – allein aufgrund des Altersunterschiedes von knapp 18 Jahren. "Mit dem Titel aber habe ich zu den beiden großen Damen aufgeschlossen". Das zu schaffen, sei Jessica Mager sehr wichtig gewesen. Ringgleich war sie als Sechstplatzierte mit der siebenfachen Weltmeisterin ins Finale der besten Acht eingezogen (396), der Abstand zu Beate Gauß auf Platz zwei betrug für die für den Bundesligisten Post SV Düsseldorf startende Auszubildende zwei Ringe. In der Addition bedeuteten die drei Resultate der Qualifikation die Goldmedaille in der Mannschaftswertung (1190) vor der Ukraine (1185) und Russland (1182).

An den Sprung ins Finale hatte Jessica Mager nach der Vorrunde nicht zu hoffen gewagt. Als eine der ersten Schützinnen hatte sie nach nur knapp 45 Minuten alle 40 Schüsse abgegeben und somit noch fast eine halbe Stunde Zeit, sich über die drei Neunen in der letzten Serie zu ärgern. "Normalerweise wird es auf diesem Niveau schon mit einer 397 knapp, es ins Finale zu schaffen." Umso größer war die Freude, dass es tatsächlich noch geklappt hat.

Die Nervosität, die sich sonst bei der Schützin einstellt, wenn es um die Wurst geht und "alle einem dabei zuschauen", stellte sich in Meraker nicht ein. "Ich hatte mir gar keine Chancen ausgerechnet, noch aufs Treppchen zu kommen", gibt sie zu. Dafür seien die vor ihr Platzierten eigentlich zu gut. "Mein Ziel war es lediglich, nicht abzurutschen." Als Jessica Mager aber mitbekommen hatte, dass Agnieszka Nagay (Polen) als Siebte und Petya Lukanova (Bulgarien) als Achte schlecht ins Finale gestartet waren, war sämtlicher Druck genommen.

Erst der letzte Schuss wackelte. "Gerade noch eine 10,0", atmete Jessica Mager auf, die mit einem ähnlich präzisen Versuch wie zuvor nicht nur den EM-Titel geholt (dafür fehlten drei Zehntel), sondern auch noch einen neuen Weltrekord aufgestellt hätte. "Natürlich habe ich mich anfangs darüber geärgert." Im Nachhinein sei Jessica Mager froh, dass sie durchgehalten und das für unmöglich gehaltene Bronze gewonnen habe.

(RP)