Porträt Oskar Klingner: Ein Hüne blickt über die Netzkante hinaus

Porträt Oskar Klingner: Ein Hüne blickt über die Netzkante hinaus

Der Mittelblocker der Volleys mag andere Blickwinkel und hat selber eine klare Meinung zur Leistungsgesellschaft.

Oskar Klingner ist schon eine Erscheinung. Mehr als zwei Meter groß, breitschultrig, Arme wie die Stämme junger Birken. Dass er viel Krafttraining macht, sieht man. Aber - warum? "Weil ich für einen Mittelblocker etwas klein bin", sagt der Spieler des Volleyball-Bundesligisten Solingen Volleys, der seine Körperlänge sehr exakt angibt: 2,01,5 Meter. Klar, das ist schon fast winzig zu nennen. "Nein, im Ernst. Etwas größer wäre besser. Daher versuche ich viel über Athletik wettzumachen. Außerdem habe ich kurze Arme. Das hat mir Bundesliga-intern auch den Spitznamen ,T-Rex' eingebracht." Das war immerhin mal ein ziemlich großer Dino.

Auch wenn Oskar Klingner sich als ein wenig zu klein für seine Position empfindet, in seiner Kindheit wurde das doch anders bewertet. Geboren in Radebeul-Ost wollte der heute 25-Jährige erst zum Basketball gehen, nachdem ihm Schwimmen und Leichtathletik zu eintönig geworden waren. "Ich wollte etwas spielen, und da lag Basketball aufgrund meiner Größe nahe. Da gab es in Dresden aber nichts dergleichen. In der Schule hatte ich dann eine Volleyball-AG, und die Lehrerin da, die selber bis 2\. Bundesliga gespielt hatte, meinte, ich sollte mal zu einem Klub gehen, mein Ball-handling sähe nicht so scheiße aus." Also schloss er sich dem VC Dresden an. "Die hatten einen guten Nachwuchs, waren schon in der E- und F-Jugend Deutscher Meister. Ich konnte da nicht so viel beitragen, außer, dass ich groß war", erinnert sich Klingner schmunzelnd.

Ganz wahr ist das vermutlich nicht, denn bei den Bundespokalen mit Sichtungen im Chiemgau überzeugte er und ging daraufhin zum VCO Berlin, wo er vier Jahre blieb und auch sein Abitur und den Zivildienst machte. Bei der Erinnerung an letztgenanntes zeigt Klingner, dass er über den Tellerrand eines Sportlers hinausblickt: "Ich finde es merkwürdig, dass der Zivildienst abgeschafft wurde. Ich finde diese Leistungsgesellschaft eh fragwürdig. Die Schüler machen heute mit 18, 17 Jahren ihr Abitur und sind mit 21 mit dem Studium fertig. Was sollen sie dann machen? 50 Jahre arbeiten? Ein halbes Jahr oder ein Jahr Zivildienst schaden keinem. Man kann seinen Horizont erweitern und sich sozial engagieren." Er selbst hatte eine Sport-Zivi-Stelle in einem Brustzentrum. "Da gab es kleinere Sachen zu tun, aber es war durch die Mitarbeiterinnen eine sehr coole Zeit. Man hat einen anderen Blick bekommen."

Andere Ebenen der Betrachtung schätzt Klingner auch in der Unterhaltung. "Ich sehe mir gerne Kabarett-Sendungen an, weil da intelligente Leute hübsch verpackt Missstände aufdecken. Da nimmt man wirklich was mit, was man im ganzen Mainstream nicht mitbekommt." Sein mediales Konsumverhalten orientiert sich daran: "Ich höre im Radio gerne den Deutschlandfunk. Da gibt es kein Gelaber die ganze Zeit, niemand muss zwanghaft witzig sein. Und ich habe ein bisschen eine Aversion gegen Fernsehen - das gucke ich eigentlich seit Jahren nicht mehr, sondern suche mir die Sendungen bei Youtube oder Netflix raus. Gerade in der Fernseh-Werbung kann ich mich furchtbar aufregen. Da bin ich nicht ganz einfach." Das müsse man erstmal zu nehmen wissen, Freundin Inessa, mit der er gerade in Oberhausen zusammenzieht, könne das glücklicherweise.

Ansonsten geht Klingner "gerne mal feiern, vor allem zu elektronischer Musik". Allerdings: "Musikalisch bin ich eigentlich sehr breit aufgestellt - ich war auch schon auf zwei Michael-Wendler-Konzerten", sagt der Hüne schmunzelnd. "Ich kann mich für vielerlei Musik begeistern. Rammstein höre ich heute noch gerne, früher auch System of a Down oder Limp Bizkit. Das ist heute aber anteilmäßig nicht mehr ganz so viel."

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Wie der Musikgeschmack, so wandelte sich auch die Vereinszugehörigkeit. Von VCO Berlin aus ging es zum Moerser SC, von da nach Düren. Dort verletzte er sich am rechten Sprunggelenk, musste operiert werden. "Düren hat dann einen Mittelblocker geholt. Da waren wir dann fünf", berichtet Klingner, der aber auf relativ kurzem Dienstweg einen anderen Klub fand: Seine Spielervermittlerin ist Angelina Hübner, Ehefrau von Stefan Hübner, dem einstigen Trainer der Volleys, der inzwischen die SVG Lüneburg betreut. "Bei denen ist ein Mittelblocker ausgefallen, und sie hatten nur drei etatmäßige. Und unter Stefan zu trainieren, ist supergeil", meint Klingner.

Im Anschluss kam er nach Solingen, um neben dem Volleyball sein Maschinenbau-Studium in Duisburg wieder aufzunehmen, worüber er sagt: "Ich finde das sehr interessant, es macht mir sehr viel Spaß. Ich weiß aber noch nicht, wo mich das hinführen wird. Ich habe durch ein paar Praktika ein paar Einblicke gewonnen, dadurch aber mehr festgestellt, was ich nicht machen möchte." Die Verbindung von Studium und Volleyball findet Klingner ideal: "Ich schätze es, dass ich mein Studium mit meiner Leidenschaft finanzieren kann. Ich muss nicht so schnell wie möglich arbeiten. Ich bedauere es nicht, dass ich länger brauche. Wenn ich die Abiturienten mit 17 Jahren sehe - die können ja zum Beginn ihres Studiums noch nicht mal einen Mietvertrag ohne ihre Eltern unterzeichnen. Da sollen sie doch lieber ein Freiwilliges Soziales Jahr machen."

Da spricht wieder der Oskar Klingner, der als Volleyballer nicht nur über die Netzkante, sondern als Mensch über den Tellerrand hinausblickt. Unabhängig davon, ob man 2,01,5 Meter Körpergröße nun als klein empfindet oder nicht.

Hinweis Oskar Klingner musste bei den Volleys wochenlang aus gesundheitlichen Gründen pausieren, befindet sich aber inzwischen wieder in der Integration in den Leistungssport. Volleys-Manager Helmut Weissenbach erklärte, Klingners Ausfall sei ein sensibles Thema, das in der Kabine bleibe. Er freue sich aber sehr, dass der wichtige Spieler nun wieder zurückkehre.

(ame)
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