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Sportlerwahl: Der titelhungrige Paralympicssieger

Sportlerwahl : Der titelhungrige Paralympicssieger

In der Reihe seiner zahlreichen großen Auszeichnungen wirkt die Nominierung von Jochen Wollmert als "Sportler der Saison" wie ein kleines Licht. Mitte September wartet auf den Wuppertaler noch der weltweit bedeutendste Fair-Play-Preis.

Das Sportlerleben des Jochen Wollmert hatte einen festen Vier-Jahres-Rhythmus. Der 48-Jährige konnte sich sicher sein, dass das Interesse an seiner Person immer ein halbes Jahr vor den Paralympischen Spielen zunehmen würde. Und auch in den ersten Monaten danach war er noch ein gefragter Mann. "Plötzlich aber war der Rummel vorbei, und es folgte ein Drei-Jahres-Loch."

Nach London 2012 hat sich viel verändert. Mit dem dritten paralympischen Einzel-Gold hat Jochen Wollmert seinen Bekanntheitsgrad weiter erhöht, erst recht mit seiner Fair-Play-Geste, die ihm zahlreiche Auszeichnungen abseits der Tischtennisplatte eingebracht haben. Der "Behindertensportler des Jahres 2012" wurde unter anderem mit dem "Fair Play Preis des Deutschen Sports" und als "Sportler mit Herz" ausgezeichnet. In dieser Reihe wirkt die Nominierung bei der Sportlerwahl unserer Zeitung wie ein kleines Licht. Erst recht, weil am 18. September noch der "Baron de Coubertin-Award" wartet, die weltweit höchste Auszeichnung für faires Verhalten im Sport. Die Korrektur einer Schiedsrichter-Entscheidung im Paralympics-Finale gegen den Briten William Bailey sowie die tröstende Würdigung seines unterlegenen Kontrahenten haben ihn zu einem namhaften Vorbild gemacht.

Jochen Wollmert ist indes im Alltag zurück. Nach fünf Jahren am Standort Stuttgart hat ihn die Barmer GEK als Arbeitgeber zurück ins Bergische Land geholt. Seit April wohnt und arbeitet der Familienvater wieder in Wuppertal, "auch wenn es schwer war, meine Lebensgefährtin als gebürtige Berlinerin davon zu überzeugen." Aufgrund des Jobs ist das Trainingspensum in diesen Wochen deutlich reduziert. Erst vor den Europameisterschaften Ende September in Italien wird der titelhungrige Tischtennisspieler wohl wieder häufiger und intensiver zu Schläger und Zelluloidball greifen. "Pure Erholung wird es deswegen nicht geben." So wird kurzerhand ein Trainingslager in Slowenien mit Familienurlaub kombiniert. "Ich bin verwundert, dass ich immer besser werde, obwohl ich älter werde." Dabei seien die anderen Weltklasse-Spieler im Behindertensport allesamt Vollprofis. "Da bin ich mit meinem Hobby-Tischtennis schon sehr gut."

Vor den Deutschen Mannschaftsmeisterschaften hatte Jochen Wollmert ebenfalls vermehrt trainiert – mit dem Ziel, zum neunten Mal in Folge den Titel nach Solingen zu holen. Das Ausnahmeteam des Reha- und Behindertensport (RBS) war abermals nicht zu schlagen und kann im kommenden Jahr das Abonnement auf zehn Siege verlängern. "Wir verstehen uns untereinander sehr gut, das ist unser Geheimrezept." Dass André Kritzmann, Jan Brinkmann, Jochen Wollmert und Co. der Konkurrenz sportlich überlegen seien, will der Paralympicssieger nicht bestätigen. "Das Gefälle ist gar nicht so groß. Bei vielen fehlen allerdings die Identifikation mit dem Behindertensport und das Teamgefühl."

In drei Jahren kann sich Jochen Wollmert sicher sein, dass das Medien-Interesse an seiner Person größer sein wird als je zuvor. Erst recht, wenn der dann 51-Jährige noch einmal eine Goldmedaille abstauben sollte. "Wenn die jungen Wilden mich nicht daran hindern, würde ich noch mal gewinnen wollen."

(RP)