Solingen: Spielhallen mit Suchtfaktor

Solingen : Spielhallen mit Suchtfaktor

Bei ihrer gestrigen Aktion auf dem Fronhof gegen Glücksspielsucht warnte die Caritas vor einer dramatischen Entwicklung: Mehr als 1642 Solinger könnten bereits spielsüchtig sein. Spielhallen locken Zocker an die Geräte.

Spielhalle — schon allein die Bezeichnung der Läden mit ihren verhangenen Schaufenstern und verdunkelten Eingängen, in denen einarmige Banditen und Co. Menschen in den Ruin treiben können, ist für Christiane Krause, Thomas Römer und Gerald Palme von der Caritas eine Täuschung. Das seien doch gar keine offenen, großzügigen Hallen, erklären sie. Vielmehr wird dort auf den Kuschelfaktor gesetzt: Abgrenzte Bereiche, in denen gleich mehrere Glücksspielautomaten auf einmal bedient werden können, Kaffee und sogar ein Frühstück inklusive, aber auch die Begrüßung mit Namen und der EC-Geldautomat für den Nachschub in Reichweite der flimmernden Glücksspielkästen.

Diese werden für immer mehr Solinger zum akuten Problem: Glücksspielsucht — darüber informierte die Caritas gestern bei einem Aktionstag auf dem Fronhof und stellte das Hilfsangebot in der Beratungsstelle an der Goerdelerstraße vor.

9,1 Millionen Euro verspielt

"Wir gehen davon aus, dass zwischen 821 und 1642 Solinger betroffen sind." Tendenz: weiter steigend. Dieses bittere Fazit zieht Caritas-Referatsleiter Römer mit Blick auf die Statistik der Landesfachstelle für Glücksspielsucht. Danach haben Solinger im vergangenen Jahr mehr als 9,1 Millionen Euro verspielt. Zum Vergleich: 2008 betrug der Spielerverlust rund 7,4 Millionen Euro. Nach Römers Worten hat jeder Solinger im vergangenen Jahr rein rechnerisch beim Glücksspiel, zu dem auch Lotto und Roulette gehören, genau 56,51 Euro verloren.

Dabei ist die Zahl der Spielhallen zwischen 2008 und 2010 sogar von 19 auf 17 zurückgegangen und die der Konzessionen ist um zwei auf 34 geschrumpft. Kehrseite der Medaille: Die Zahl der Geräte in Gaststätten hat sich um drei auf 204 erhöht, die in den Spielhallen ist sogar von 318 auf 352 gestiegen.

Auf Glücksspiel wollen sich Stadtplaner und Politiker in der Solinger Innenstadt möglichst nicht einlassen. Schon vor acht Jahren wurde ein Bebauungsplan verabschiedet, damit sich solche Geschäftsbetriebe nicht in den bevorzugten Lagen der Fußgängerzone ansiedeln können. Nur für Teile der Goerdelerstraße sollten noch Genehmigungen erteilt werden.

Ein Konzept, das nach wie vor Gültigkeit und sich in der Praxis bewährt hat. "In einigen Fällen hat es auch einer gerichtlichen Überprüfung standgehalten", betont Stadtdirektor Hartmut Hoferichter im Gespräch mit unserer Zeitung. Dilemma ist: Wo Spielhallen eröffnen, hat es der umliegende Einzelhandel schwer. Insbesondere Nachbargeschäfte leiden dann darunter, dass Kunden möglichst einen weiten Bogen um sie machen.

Sorgen bereiten in Ohligs jedenfalls die Spielhallen im unteren Bereich der Düsseldorfer Straße. Um einer Zunahme einen Riegel vorzuschieben, wird nach Hoferichters Worten der neue Bebauungsplan im Zuge des Einkaufszentrums O-Quartier dazu konkrete Aussagen für eine Geschäftsseite der Düsseldorfer Straße treffen. Bei der anderen sind die Stadtplaner ebenfalls sensibilisiert und werden dies bei der neuen Rahmenplanung berücksichtigen.

"Genau im Zentrum der Glücksspielzone in der Solinger City liegt unsere Beratungsstelle an der Gordelerstraße." Christiane Krause und Gerald Palme von der Caritas sind froh, derart vor Ort präsent zu sein, um Spielsüchtige unmittelbarer erreichen zu können. Illusionen machen sie sich nicht: "Es gibt eine hohe Dunkelziffer. Bis sich jemand bei uns meldet, muss schon viel passiert sein." Es müsse bei den Zockern selbst, aber auch bei den betroffenen Familien "ein Punkt erreicht sein, an dem es nicht mehr weitergeht".

(RP)
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