Interview Sonja Häcker „Es muss sich einiges ändern“

Solingen · Sonja Häcker, die scheidende Leiterin der Abteilung Mobilität und generelle Planung, spricht im Interview über alte Ampelanlagen, Ärger um Kreisverkehre, die Anbindung an die A3, neue Zebrastreifen und fehlende Radwege.

 Sonja Häcker, Leiterin der Abteilung Mobilität und generelle Planung bei der Stadt, geht in Kürze in den Ruhestand.

Sonja Häcker, Leiterin der Abteilung Mobilität und generelle Planung bei der Stadt, geht in Kürze in den Ruhestand.

Foto: Fred Lothar Melchior

Wie schmerzfrei muss man sein, um sich ausgerechnet in Solingen auf eine Stelle im Stadtdienst Planung, Mobilität und Denkmalpflege zu bewerben?

Häcker Als ich meine Stelle Anfang 1997 angetreten habe, begann gerade die Neuorganisation des Amts zum Fachdienst, aus dem dann 2001 der Stadtdienst wurde. Deswegen standen zunächst organisatorische Aufgaben im Vordergrund; die gesamte Mobilität sollte auf dieser Stelle gebündelt werden. Von daher war dies eine attraktive Aufgabe. Verkehr funktioniert in allen Städten gleich gut oder gleich schlecht, je nachdem aus welcher Perspektive die Situation beurteilt wird. Jede Stadt hat ihre Problemfälle.

Vielleicht sind Sie toleranter, weil sie in Köln wohnen. Aber der Solinger an sich ist mit dem Verkehrsfluss in der Stadt eher unzufrieden.

Häcker Verkehr ist ein emotionales Thema. Und die Problemlage relativiert sich, wenn man die Verkehrssituation in einer Stadt wie Köln täglich erlebt. Für mich war es nach meiner Bewerbung wichtig, dass das Klima im Arbeitsumfeld stimmte. Da gab es anfangs durch die Auslagerung des Tiefbaus einige Reibungsverluste, auch mit der Straßenverkehrsbehörde. Gerade in den letzten Jahren hat sich das Klima aber sehr positiv entwickelt.

Auf den Solinger Hauptstraßen eher weniger – im wörtlichen wie im übertragenen Sinne. Woran liegt es, dass beispielsweise eine Fahrt von der Krahenhöhe nach Gräfrath ewig zu dauern scheint?

Häcker Eine grüne Welle ist zum Beispiel davon abhängig, wie weit die Knotenpunkte auseinander liegen oder ob der Verkehrsfluss durch ein- und ausparkende Fahrzeuge gestört wird. Auch spielt die Verkehrstechnik eine Rolle. Die Signaltechnik ist für mich eines der brennendsten Themen. Da gibt es einen Riesennachholbedarf. Die Steuergeräte in einigen Signalanlagen sind so alt, dass man keine Ersatzteile mehr bekommt. Erst in den letzten zwei, drei Jahren sind Mittel zur Verfügung gestellt worden. Da muss sich in den nächsten Jahren einiges ändern.

Wie begründet ist das Gefühl, dass jeder Fußgänger durch einen Knopfdruck an der Ampel die grüne Welle stoppen kann?

Häcker Die Planung sieht jeweils vor, dass die Bedarfsampeln in die grüne Welle eingebunden sind. Aber zwischen Theorie und Praxis klafft oft eine Lücke. An der Goerdelerstraße etwa gibt es noch keine neuen Steuergeräte.

Theorie und Praxis: Warum entbrennen immer wieder Diskussionen über eigentlich längst beschlossene Kreisverkehre?

Häcker Für die Kreisverkehre am Dickenbusch gab es einen Beschluss der Politiker. Wegen der hohen Investitionskosten ist die Umsetzung aber immer wieder geschoben worden. Es wäre schön, wenn wir direkt nach einem Beschluss einen Förderantrag stellen könnten und nach der Bewilligung die Umsetzung beginnt. Bei Großprojekten ist das aber wegen des städtischen Eigenanteils häufig nicht der Fall. Je länger es dauert, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass es sich eine Ratsfraktion wieder anders überlegt.

Kreisverkehre waren nicht nur für den Dickenbusch im Gespräch. Warum gibt es trotzdem so wenige in Solingen?

Häcker Am Werwolf liegt es am Verkehrsaufkommen, das sehr hoch ist; eine vergleichbare Situation gibt es am Schlagbaum. Da müssen Sie mindestens mit zwei Fahrstreifen arbeiten – wovor ich warne. In Solingen bekäme man, anders als etwa in Paris oder London, ein Verkehrssicherheitsproblem. In Köln ist der Kreisverkehr „Südverteiler“ in kürzester Zeit signalisiert worden.

Wie steht es um den geplanten Kreisverkehr am Ende der Viehbachtalstraße?

Häcker Für die Kreuzung mit Bonner Straße und Langhansstraße wurden die alten Planungen nochmals überprüft, die Verkehrsdaten werden aktualisiert. Ansonsten tut sich im Moment nichts. Kreisverkehre, vor allem mit Bypässen, brauchen immer viel Fläche, so dass jeweils der Eingriff in die Natur mit berücksichtigt werden muss.

Wird Solingen jemals eine vernünftige Zufahrt zur A3 bekommen? Etwa über die Haus Gravener Straße?

Häcker Das Thema begleitet mich mein ganzes Berufsleben lang, beschäftigt mich im Moment aber weniger. Dieser Autobahnanschluss ist Politik. Da muss man sich regional einigen. Das muss in der nächsten Zeit noch einmal komplett durchdacht werden – schon wegen des vorgesehenen achtspurigen Ausbaus der Autobahn.

Stichwort Anschluss: Wie geht es in Scheuren mit dem Verkehr weiter?

Häcker Für den Anschluss des Gewerbegebiets an die Viehbachtalstraße gibt es inzwischen ein halbes Dutzend Varianten. Ziel ist es, eine Rampe zu bauen, für die keine privaten Grundstücke gebraucht werden und die nicht die Unterführung Ulrichstraße tangiert. Der Landesbetrieb Straßen hat Bauchschmerzen, wenn man das Regelwerk nicht 100-prozentig einhält. Ich vermute, dass das Thema noch dieses Jahr in die zuständigen Ratsausschüsse geht.

Warum hört man nichts mehr vom Anschluss der MVA an die Viehbachtalstraße?

Häcker Das Thema ruht, obwohl sich immer wieder Anlieger der Sandstraße über den Verkehr beschweren. Es gibt kein Planungsrecht. Auch die Verbindung zum Frankfurter Damm ist ein Provisorium. Das muss man im Gesamtzusammenhang denken.

Neu gedacht hat man in der Stadtverwaltung, was Zebrastreifen angeht.

Häcker Da waren ziemlich dicke Bretter zu bohren, nachdem sich der Leiter der Verkehrsbehörde und die Polizei immer für Ampeln stark gemacht hatten. Inzwischen haben wir beispielsweise Zebrastreifen am Kreisverkehr Siebels, und auch die Seniorenresidenz an der Friedrichstraße soll noch in diesem Jahr einen Zebrastreifen samt Insel in der Straßenmitte erhalten.

Wie sieht es bei den Straßenbauarbeiten in Unterburg aus?

Häcker In Unterburg sieht es sehr gut aus. Die Baumaßnahme ist ausgeschrieben; im Sommer oder Herbst geht es an der Engstelle los. Die Bürgersteige werden verbreitert, die Engstelle bleibt beampelt. Fertigstellung soll spätestens im Herbst 2020 sein. Die Baustellenabwicklung ist extrem kompliziert. So muss ja auch die Feuerwehr während der Arbeiten freie Fahrt haben.

2020 werden die Radfahrer noch lange keine freie Fahrt in Solingen haben.

Häcker Wir haben schon 2011 ein Radverkehrskonzept beschlossen. Es ist aber nie richtig Geld zur Verfügung gestellt worden. Ebenso fehlt es an Planerkapazitäten. Nach dem Initialprojekt der Korkenziehertrasse wurde das Radfahren auch in Solingen wieder Thema. Zurzeit werden verschiedene Routen geplant. Wichtig ist, dass auch Radverkehrsverbindungen zwischen den Stadtteilen geschaffen werden. Und hier steht dann die Frage an, ob für Radstreifen notfalls auch Parkplätze geopfert werden dürfen. Da wird es noch verstärkt Diskussionen geben.

Bei derart vielen laufenden Projekten: Was bleibt Ihnen positiv von Ihrer Arbeit in Erinnerung?

Häcker Sicher die Projekte der Regionale 2006. Da gab es auch viele Verkehrsthemen – vom Umbau des Bahnhofsvorplatzes in Ohligs über den Graf-Wilhelm-Platz, die neuen Haltepunkte und die Korkenziehertrasse bis zum Müngstener Brückenpark. Die Regionale hat für die Stadtstruktur einen sehr positiven Effekt gehabt. Ich hoffe, dass es etwas Ähnliches durch das BOB-Projekt gibt. Der batteriebetriebene Oberleitungsbus ist eine Riesenchance für Solingen. Damit kann man werben. Die Fahrgäste sollen die Busse, jetzt auch mit Klimaanlage, gerne und nicht gezwungenermaßen nutzen. Solingen hat es geschafft, kontinuierlich interessante Förderprojekte an Land zu ziehen. Deshalb hat es auch Spaß gemacht, hier zu arbeiten.

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