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Solingerin klagt: Reisebranche wird hängen gelassen

Interview mit der Solinger Reisespezialistin Kathrin Unterberg : „Keine Branche wird so hängen gelassen“

Die Spezialistin für Fernreisen hat ein Unternehmen namens „aqua mountain travel“ und demonstriert am Mittwoch auf dem Roncalliplatz in Köln. Das sorgenvolle Motto der Branche: „Rettet die Reisebüros – rettet die Touristik.“

Ihr Unternehmen aqua mountain travel besteht in diesem Jahr seit einem Vierteljahrhundert. Zum Feiern ist Ihnen aber nicht zumute?

Unterberg Im Moment lebe ich vom Ersparten. Wie viele andere in der Reisebranche habe ich aktuell keine Einnahmen – auch nicht durch Leistungen, die ich längst erbracht habe. Geld verdienen wir de facto erst, wenn Kunden ohne Beanstandungen von ihren Reisen zurück sind. Die finden momentan aber nicht statt. Stattdessen müssen wir den Kunden innerhalb von 14 Tagen den Reisepreis zu 100 Prozent erstatten.

Das Geld holen Sie sich aber doch von den Fluggesellschaften und Hotels zurück?

Unterberg Fluggesellschaften tun sich sehr schwer damit, das Geld für bereits bezahlte Flugtickets zurückzuzahlen. Manche sagen, das könne ein Jahr dauern. Viele bieten auch nur einen Gutschein an. Bei den Hotels ist es ähnlich: Sie und andere Partner fordern im Regelfall eine Anzahlung. Also gehen wir in Vorleistung. Wenn der Hotelier dann nichts zurückgeben will . . . Wir hatten auch Kunden, die schon auf Reisen waren. Für sie musste ich neue Flugtickets kaufen.

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Dabei hatte das Jahr gut für Sie angefangen.

Unterberg Unsere Teilnahme an der Messe boot in Düsseldorf war echt erfolgreich. Wir hatten an unserem neuen größeren Stand eine dreistellige Zahl von Interessenten. Ein wegen seiner Artenvielfalt beliebtes Ziel für Taucher ist beispielsweise das Korallendreieck zwischen Indonesien, den Philippinen und Malaysia.

Dann kam die Pandemie. Zählt das nicht als „höhere Gewalt“?

Unterberg Der Reiseveranstalter muss bei höherer Gewalt alles zahlen. Von der Versicherung bekomme ich nichts. Ich bin nicht gegen Verbraucherschutz. In der Pandemiesituation kann das Reiserecht so aber eigentlich nicht bestehen bleiben. Da muss sich für die Zukunft ganz dringend etwas ändern.

Deshalb haben Sie auch im Namen weiterer Veranstalter einen Brandbrief unter anderem an Wirtschaftsminister Altmaier geschrieben. Tenor: „Keine andere Branche wird dermaßen hängen gelassen.“ Was fordern Sie und wie war die Reaktion?

Unterberg Man wird vertröstet. Wir Mittelständler und Kleinunternehmer haben keine Stimme im Vergleich zu den sechs großen Tourismus-Konzernen. Wir fordern eine schnelle Hilfe: dass unsere Kosten übernommen und unsere Arbeitszeit bezahlt wird. Wir sind wohl die einzige Branche, die ihre Leistung kostenfrei machen soll, und das sogar meist bis zu einem Jahr zurück.

Wenn die große Lösung noch ausbleibt: Ist Ihnen auf andere Weise geholfen worden?

Unterberg Ich habe 3000 Euro Soforthilfe beim Land beantragt und bekommen. Vom Bund habe ich noch keine Zusage. Von ihm gäbe es maximal 9000 Euro, auf die das Geld vom Land aber angerechnet würde. Und man kann über den Betrag auch nicht frei verfügen. Man muss nachweisen, dass man das Geld etwa für die Miete, für Versicherungen oder andere laufende Kosten braucht.

Wie geht es weiter?

Unterberg Für uns bin ich nach wie vor optimistisch. Wir sind gut aufgestellt und haben nur geringe Fixkosten. Außerdem habe ich unglaublich verständnisvolle Kunden. Bisher haben alle ihre Reisen umgebucht. Sie halten an ihren Zielen fest, reisen aber später. Neben den Tauchreisen haben wir mit unseren Landprogrammen zudem ein zweites Standbein. Bei den Rundreisen kann man in Europa einiges abdecken. Ich bin dabei, diesen Bereich wieder auszubauen.

Das Segment Tauchurlaub
geht im Corona-Jahr
aber baden?

Unterberg Im Moment ist es unheimlich schwer abzusehen, ob es dieses Jahr noch zu größeren Reisen kommt. Ich bin da eher nicht zuversichtlich. Bis jetzt habe ich allerdings nur die Reisen bis Ende Juni abgesagt und Buchungen für Oktober angenommen. Die Hotels spielen mit und würden Stornierungen akzeptieren.