Solinger Wald erwirtschaftet 31 Millionen Euro

Berechnung : Wald erwirtschaftet 31 Millionen Euro

Martin Wissenberg hat berechnet, welche Leistungen die Solinger Grünflächen erbringen und was sie wert sind.

Bislang ist der Holzerlös heute die einzige Leistung des Waldes, die Waldbesitzer bezahlt bekommen. Dabei leiste der Wald sehr viel mehr für die Gesellschaft, als den meisten Menschen bewusst ist – sagt Martin Wissenberg. Im Rahmen seines Studiums des Urbanen Baum- und Waldmanagements in Göttingen absolviert der 26-Jährige zurzeit ein Praktikum beim Stadtdienst Natur und Umwelt in der Abteilung Wald und Landschaft.

Für ein studentisches Praxisprojekt hat er den materiellen Wert der Leistungen des Solinger Waldes auch konkret berechnet: Rund 31,2 Millionen Euro pro Jahr erwirtschafte dieser unter Berücksichtigung aller Leistungen, wobei der Holzerlös nur einen Bruchteil von circa 400.000 Euro im Jahr vom gesamten „Ertrag“ des Waldes ausmache.

„Ich möchte mit dieser Untersuchung erreichen, dass dem Wald viel mehr Wertschätzung entgegengebracht wird. Die Ergebnisse des Projekts haben mich teilweise selbst überrascht.“ Zum Beispiel der gewaltige Mehrwert, den der Solinger Wald für die Erholung der Bürger leistet. In Wissenbergs Rechnung sind dies satte 20 Millionen Euro, die der Wald „erwirtschaftet“, wenngleich er diese Leistung gratis zur Verfügung stellt.

Die Berechnungsgrundlage gleicht einem Fest für Statistiker: In Studien hat man Bürger gefragt, was sie als Erholungssuchende für einen Waldbesuch bereit wären zu zahlen, wenn dieser nicht kostenlos wäre: Der fiktive Eintrittspreis für eine Tageskarte Walderlebnis läge laut Wissenberg bei 2,46 Euro. Für den Solinger Wald, der sich im Stadtgebiet über insgesamt 2884 Hektar erstreckt, hat Wissenberg acht Millionen Waldbesuche veranschlagt – diese Daten beruhen laut Wissenberg auf Umfragen. Dabei ist berücksichtigt, dass manche Menschen nur zweimal im Jahr in den Wald gehen, während beispielsweise Hundebesitzer täglich dort ihre Runden drehen.

Nach dem Erholungsfaktor, der fast 64 Prozent der Gesamtleistung des Waldes ausmacht, sieht Wissenberg mit knapp 13 Prozent im Rückhalt von Starkniederschlägen die zweitwichtigste Leistung des Waldes. Denn mit seiner Fähigkeit zum Wasserspeichern trägt er erheblich zum Hochwasserschutz bei – ein Vorteil für den Menschen, der laut Wissenbergs Rechnung knapp vier Millionen Euro wert ist. „Wenn es den Wald nicht gäbe, würde das Wasser in Hanglagen ungebremst ins Tal fließen. Und solche Gefälle haben wir im Bergischen Land ja viele, wie zum Beispiel auch im Bereich der Sengbachtalsperre“, erklärt er.

Auch für die Filterung von Schadstoffen leistet der Wald wertvolle Dienste: So müsse man etwa im Bereich der Sengbachtalbachsperre nur in geringem Maße von Menschenhand unerwünschte Stoffe wie Nitrat und Stickstoff aus dem Wasser filtern, da diese Aufgabe zu großen Teilen der Wald übernimmt. Die technische Aufbereitung würde laut Wissenberg zwischen 8 und 65 Cent pro Kubikmeter Wasser kosten – diese Leistung des Waldes sei fast 238.000 Euro wert.

Der Katalog weiterer „Gratisleistungen“ des Waldes ist lang: Zu nennen wäre da etwa der Erosions-, Lärm- und Artenschutz, die Absorption von Kohlenstoffdioxid, die Staubfilterung sowie der sogenannte „Siedlungswert“ – gemeint ist der steigende Wert eines Grundstücks durch Waldnähe.

Seine Untersuchung präsentierte Martin Wissenberg kürzlich auch im Beirat Untere Naturschutzbehörde und im Umweltausschuss. Durch sein Praktikum wolle er Einblick in die Arbeitsweise einer kommunalen Verwaltung gewinnen.

Betreut wurde er während dieser Zeit von Markus Schlösser, der die Abteilung Wald und Landschaft bei der Stadt leitet. Der Umgang mit dem Wald sei stets ein Abwägen zwischen verschiedenen Interessen, meint Schlösser: „Man sollte den Wald weder komplett sich selbst überlassen, noch sollte man sich auf maximalen Holzgewinn fokussieren.“ Eines sei aber auch für ihn klar: „Der Wald leistet unglaublich viel mehr, als uns mit Holz zu versorgen.“

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