Solinger Verbraucherschützerin Dagmar Blum im Interview

Interview Dagmar Blum : „Fake Shops im Internet nehmen zu“

Die Leiterin der Solinger Verbraucherzentrale über Fallstricke im Netz, unseriöse Notdienste, Inkasso- sowie Reiseärger.

Es gab Jahre, in denen die Verbraucherberatung in Solingen vor einer unsicheren Zukunft stand. Wie geht es ihr heute?

Dagmar Blum Seit dem 1. Januar haben wir einen neuen Fünfjahresvertrag. Damit gibt es Sicherheit bis einschließlich 2024.

Wer finanziert Ihre Tätigkeit?

Blum Bei der allgemeinen Beratung sind es jeweils zur Hälfte das Land und die Stadt. Einnahmen, die wir haben, werden am Jahresende angerechnet. Hinter der Umweltberatung stehen zu zwei Dritteln die Technischen Betriebe; das restliche Drittel kommt vom Land. Bei der Energieberatung sind es städtische und Landesmittel. Die Schuldnerberatung wird fallabhängig vom Jobcenter und über einen Sparkassenfonds bezahlt; bei der Insolvenzberatung finanziert das Land eine halbe Stelle.

Gerade wurde ein Solinger Ehepaar abgezockt, das an einen Marder auf seinem Dachboden glaubte und an einen unseriösen Schädlingsbekämpfer geriet. Ein Einzelfall?

Blum Der Bereich der Notdienste sorgt bei uns immer für viele Anfragen. Letztes Jahr gab es beispielsweise das Problem mit den Wespen. Vor allem ist es aber Ärger mit Schlüsseldiensten, der bei uns aufschlägt. Auch Rohrreiniger sind ein Thema. Wenn einmal bezahlt wurde, ist es schwierig, das Geld zurückzubekommen.

Sind viele Auftraggeber nicht auch einfach zu leichtgläubig?

Blum Man kann sehr leicht an unseriöse Anbieter geraten. Die Menschen suchen solche Dienste immer häufiger über das Internet. Da wird dann eine Telefonnummer mit Solinger Vorwahl angegeben, das Telefonat aber an einen Anbieter im Ruhrgebiet oder dem Rhein-Main-Gebiet weitergeleitet – und später fallen hohe Fahrtkosten an.

Müssen Sie also stärker vor diesen Praktiken warnen?

Blum Notdienste, speziell Schlüsseldienste, machen wir in der Woche vor dem Weltverbrauchertag am 15. Mai zum Thema. Prävention wird bei uns ohnehin groß geschrieben. Wir machen Öffentlichkeitsarbeit über unsere Internetseite und halten Infomaterial in der Beratungsstelle bereit. Wir gehen auch in Schulklassen.

Wo schon mancher Schüler schlechte Erfahrungen mit der Welt des Kommerz gemacht hat . . .

Blum Ich berate gerade eine Schülerin, die jeden Monat Telefonkosten um die 150 Euro hat. In ihrem Fall sind es Kosten von Drittanbietern – wo ein Verbraucher gar nicht mitbekommen hat, dass er ein Abo etwa für einen Musikstreaming-Dienst abgeschlossen hat. Menschen verlieren sehr schnell die Übersicht, wenn sie keinen Zugang zu einer detaillierten Rechnung haben. Verbraucher müssen aufpassen, dass ihnen nichts untergeschoben wird, was sie gar nicht haben wollen. Jeder Nutzer sollte eine Drittanbieter-Sperre einrichten lassen und nur wirklich Gewünschtes freischalten lassen.

Können Sie noch helfen, wenn das Kind schon in den Brunnen gefallen ist?

Blum Manchmal gelingt es uns, Geld zurückzuerhalten. Bei den Telekommunikationsunternehmen haben wir Ansprechpartner, die uns kennen. Bei unserer Rechtsberatung stehen zudem Dienstleistungsverträge etwa mit Fitness-Studios ganz oben in der Themenliste. Es geht aber auch um andere Kurse oder etwa um Umzugsunternehmen. Inkassoforderungen waren in den letzten ein, zwei Jahren sehr dominant bei den Beratungen.

Wo können Sie ansetzen?

Blum Ein Beispiel: Bei im Internet bestellten Prepaid-Kreditkarten prüfen wir, ob der Vertrag korrekt zustande gekommen ist. Oft gibt es Ausgabegebühren, die gar nicht verlangt werden dürfen. In der Regel wird dann per Nachnahme zugestellt. Weist der Kunde das zurück, kommt es ganz schnell zu Inkassoforderungen durch unseriöse Unternehmen. Wir prüfen die Ursachen für die Forderung sowie die Höhe der Inkassokosten und weisen sie zurück – oder vereinbaren Ratenzahlung.

Das Internet bleibt also ein Tummelplatz für fragwürdige Angebote?

Blum 2006 bis 2010 hatten wir Beratungen ohne Ende zum Thema Internet-Abzocke. Was im Moment immer mehr zunimmt, das sind die Fake Shops. Dort sind günstige Preise etwa für sonst viel teurere Smartphones oder Lederjacken der Lockvogel. Wir warnen davor, per Vorkasse zu zahlen. Die Läden sind für einige Wochen präsent, dann ist die ganze Internet-Seite verschwunden, das Geld weg und die Ware nicht gekommen. Die Chance, das Geld wiederzubekommen, ist gleich null.

Wie sieht es bei Ärger im Urlaub und bei Zugverspätungen aus?

Blum Wir versuchen immer, für den Verbraucher das Maximale zu erreichen. Hier am Werwolf beraten wir hauptsächlich, wenn es um Pauschal- und Flugreisen geht. Zu Fragen um Thomas Cook und Condor waren es aber eher weniger Gespräche. Wer Probleme mit dem öffentlichen Nahverkehr oder mit Bahn-Fernreisen hat, wird von uns an die zuständige Schlichtungsstelle in Düsseldorf verwiesen.

Wie lange dauert es, wenn ich bei Ihnen einen Termin haben möchte?

Blum In der Regel eine bis anderthalb Wochen. Es gibt aber auch offene Sprechstunden. Da geht es der Reihe nach ohne Termin: montags vormittags bei der Beratung zum Pfändungsschutzkonto und donnerstags nachmittags bei der Schuldnerberatung.

In NRW haben nur 16 der 61 Beratungsstellen ein derartiges Angebot.

Blum Dabei hat die Nachfrage zu den Pfändungsschutzkonten zugenommen. Bei uns waren es 2018 und 2019 mehr als 200 Beratungen. Das Diakonische Werk und die Verbraucherberatung sind die einzigen Anlaufstellen in Solingen, die Bescheinigungen zum Pfändungsschutzkonto kostenlos ausstellen.

Was sind die wichtigsten Gründe für Überschuldung?

Blum Das sind weiterhin Arbeitslosigkeit, Krankheit und Trennung. Dass jemand über seine Verhältnisse gelebt hat, kommt eher seltener vor. Inzwischen sind es mehr Gläubiger mit einer geringeren Schuldenhöhe, was es aber nicht leichter macht. In den 90er Jahren ging es oft um Kredite bis zu 50.000 Mark.

Wie entwickeln sich die Bereiche Energie- und Umweltberatung?

Blum Die Nachfrage nach Energieberatungen nimmt wieder zu – auch unter dem Aspekt des Klimawandels. Es gibt ja auch noch Fördermittel. Die Umweltberaterin ist oft mit Aktionen und Infoständen unterwegs, geht mit ihren Bildungsangeboten auch schon in Kindergärten und Grundschulen. Im Winter dreht es sich oft um Schimmel und andere Schadstoffe in der Wohnraumluft. Unter die Umweltberatung fällt auch die Energie-Rechtsberatung. Wir werden immer mehr zu Spezialisten, weil alles immer komplexer wird.

Für die Verbraucherberatung wird es also immer Bedarf geben?

Blum Wir sind ein Sensor für neue Maschen. Wir entdecken Gesetzeslücken und leiten Verträge an die Zentrale nach Düsseldorf weiter, wenn Unternehmen abgemahnt werden müssen. Im vergangenen Jahr haben die Verbraucherzentralen beispielsweise eine Flugärger-App entwickelt.

Zu welchen Themen außer den Notdiensten wollen Sie in diesem Jahr spezielle Veranstaltungen anbieten?

Blum Ende Mai wollen wir uns verstärkt den Reiserechtsthemen widmen. Im Spätherbst wird es Vorträge zur Altersvorsorge geben – sowohl zur staatlichen Rente als auch zur privaten Vorsorge.