Solingen: Solinger Obusse für eine Verkehrs-Weltrevolution

Solingen: Solinger Obusse für eine Verkehrs-Weltrevolution

In den nächsten fünf Jahren werden Busse mit Batteriebetrieb getestet. Solingen könnte durch sein Oberleitungsnetz eine Schlüsselrolle in der Verkehrswelt von morgen bekommen. Der Bund gibt 15 Millionen Euro.

Noch handelt es sich nur um eine Vision - doch sollte sie irgendwann Wirklichkeit werden, dürfte jener in Solingen eher graue 28. April 2017 später einmal in die Geschichtsbücher als das Datum eingehen, an dem von der Klingenstadt aus eine regelrechte Zeitenwende des Verkehrs ins Rollen gekommen ist. Denn am Freitag haben die Stadtwerke Solingen (SWS) zusammen mit mehreren Partnern aus Wissenschaft sowie Industrie das neue Projekt "Batterie-Oberleitungsbus", kurz BOB, vorgestellt. Eine neue Technik, durch die in Zukunft die heute noch üblichen Dieselbusse möglichst in Gänze verschwinden sollen.

Davon zeigte sich zumindest Oberbürgermeister Tim Kurzbach überzeugt, als er das Modell gestern Mittag vor dem Solinger Rathaus der Öffentlichkeit präsentierte. "Wir werden zum Vorbild für Deutschland, aber auch für die Welt, und wollen zur ersten Stadt mit einem CO2-freien Busverkehr werden", sagte Kurzbach angesichts des BOB-Modells, das dem Bundesverkehrsministerium in den kommenden fünf Jahren immerhin 15 Millionen Euro an Fördergeldern wert sein wird.

E-Mobilität im Großen und Kleinen: zwei Elektrofahrzeuge gestern vor dem Solinger Rathaus. Foto: mak

Mit dieser Summe will Berlin den Umstieg auf erneuerbare und umweltfreundliche Energiequellen im Öffentlichen Personennahverkehr anschieben. Die Grundidee dahinter ist dabei, eine in Solingen bereits seit Jahrzehnten vorhandene Infrastruktur für den Sprung in die verkehrspolitische Zukunft zu nutzen. Die Klingenstadt zählt nämlich zu deutschlandweit lediglich drei Städten, die in der Vergangenheit - allen Widerständen zum Trotz - an ihren Obussen und damit an den dazugehörigen Oberleitungen festgehalten haben.

Ein Beharrungsvermögen, das sich jetzt auszahlen soll. So forschen Experten schon seit längerem an Möglichkeiten, wie über die Oberleitungen Batterien von reinen Elektrobussen mit Energie gespeist werden können. Und nachdem die diesbezügliche Technik mittlerweile Fortschritte gemacht hat, wird in Solingen demnächst die Probe aufs Exempel gewagt.

Bis Anfang 2018 schaffen die Stadtwerke vier neue Obusse an, die als Zusatzantrieb nicht mehr einen Dieselmotor, sondern eben eine Batterie besitzen. Diese Fahrzeuge sollen in den nächsten Jahren auf der Strecke der Linie 695 in den Testbetrieb gehen - wobei die Busse unter den Oberleitungen nicht nur, wie gewohnt, elektrisch fahren, sondern gleichzeitig ihre Batterien aufladen, mit denen es dann auf den nicht elektrifizierten Teilbereichen weitergeht.

Eine verkehrspolitische Revolution, die - wenn sie denn funktioniert - von Solingen aus die Welt erobern soll. Die SWS sowie ihre Projektpartner, darunter die Bergische Universität, die Bergische Gesellschaft für Ressourceneffizienz Neue Effizienz, die Netze Solingen GmbH und die Firmen Voltabox sowie Netsystem, gaben sich gestern jedenfalls zuversichtlich, am Ende für das Projekt Abnehmer auch in anderen Ländern zu finden. So ist es denkbar, dass später einmal Städte mit Straßenbahnen das Solinger Modell übernehmen, wie die vor dem Rathaus versammelten Experten unterstrichen.

Zunächst aber müssen die Batteriebusse in der Klingenstadt den Härtetest meistern. Dementsprechend gilt es, die Grundlagenforschung in die Praxis umzusetzen. So ist geplant, in den nächsten Jahren Systeme zu entwickeln, die Auskunft über verbleibende Reichwerten liefern sowie den Fahrern Infos geben. Weiter soll eine neue Photovoltaikanlage gebaut werden. Und es wird eine Ladeinfrastruktur für E-Autos und E-Bikes geschaffen. Ziel ist, ab 2019 abseits der Obus-Flotte nach und nach sämtliche Solinger Dieselbusse durch Batteriefahrzeuge zu ersetzen.

(or)