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Solinger Museumschef Dr. Jochem Putsch geht in Ruhestand

Industriemuseum Solingen : Der letzte Arbeitstag von Jochem Putsch

Der Mann, der das Industriemuseum vom ersten Tag an geprägt hatte, wurde in den Ruhestand verabschiedet.

„Ich habe nie bereut, dass meine Karriere eigentlich schon am ersten Tag zu Ende war“, sagte Dr. Jochem Putsch in seiner Dankesrede. Denn eine Steigerung gab es nach seinem Arbeitsantritt nicht: 33 Jahre lang blieb der Historiker Leiter des Industriemuseums. Und sollte darüber ein Film gedreht werden, so Putsch, müsste es im Titel „Restlos glücklich“ heißen.

Am Freitag erhielt der 63-Jährige im Scherenlager der Gesenkschmiede Hendrichs seine Entlassungsurkunde. „Mit Dank und Anerkennung“ wurde der 63-jährige Museumsdirektor im Kreis zahlreicher Gäste in den Ruhestand verabschiedet.

„Aus dem Stand heraus, quasi über Nacht“ habe Putsch eine kleine Fabrik zu einem Museumsbetrieb eines ganz neuen Typus gemacht, erklärte Milena Karabaic, Dezernentin für Kultur und Landschaftliche Kulturpflege beim Landschaftsverband Rheinland. Der LVR hatte, als 1984 die Gründung eines Industriemuseums anstand, durchaus andere Städte im Blick.

Remscheid sei ebenso im Gespräch gewesen wie weitere Orte, erläuterte Dr. Walter Hauser, Direktor der LVR-Industriemuseen. Als in Merscheid die Gesenkschmiede Hendrichs 1986 den Betrieb einstellte, habe Putsch mit seinem praktischen Realismus und einem bergischen „Beharrlichkeitsgen“ das Glück gehabt, zur rechten Zeit am rechten Ort gewesen zu sein.

„Das war eine Chance, die es zu packen galt“, brachte Hauser es auf den Punkt. Als „ausgesprochen kritischer Kopf“ und Kind der Stadt habe Jochem Putsch ein Museum geschaffen, „das wirklich lebt“. Der Solinger könne stolz auf seine Lebensleistung sein. Dass er die Gründung richtig angepackt hat, betonte Oberbürgermeister Tim Kurzbach: „Dieser Ort drückt ganz intensiv und spürbar den Stolz der alten Industriekultur aus. Diesen Ort werden Sie im Ruhrgebiet lange suchen.“ Das Museum sei zum Knotenpunkt eines ganzen Netzwerks geworden.

„Es ist und bleibt mein Lieblingsmuseum“, betonte Hartmut Lemmer, Vorsitzender des Fördervereins. Der hat jetzt mit Jochem Putsch erstmals ein Ehrenmitglied. Ihm verdanke Solingen auch, dass man im Vergleich mit den anderen Museen der „großen Mutter LVR“ gut dastehe.

So ganz restlos glücklich war Jochem Putsch in den letzten Jahren dann aber doch nicht – obwohl der Landschaftsverband sein „Hobby“ finanziert habe. Denn den „unglaublichen Freiräumen“ am Anfang seiner Tätigkeit standen später häufiger bürokratische Zwänge entgegen – wie der jüngste Auftrag, eine Gefährdungsanalyse für Schwangere zu erstellen. Inzwischen sei er für derartige Aufgaben aber dankbar – „erleichtern sie mir doch meinen Abschied.“

Mit Ironie erinnerte Putsch daran, wie er sich das Vertrauen des LVR erarbeitet hatte – „kaum 30-jährig und nicht einmal im Besitz einer Krawatte“. Und mit „schlechten Manieren“, weil er immer gesagt habe, „was ich dachte“. Man habe sich auf ein Abenteuer eingelassen, sagte Dezernentin Milena Karabaic und bestätigte: „Er ist sich in all den Jahrzehnten treu geblieben.“

Dass sich der Historiker nicht verbiegen ließ, klang auch bei Klaus Jakobi an, der die Verabschiedung auf dem Tenorsaxophon begleitete. „I faced it all and I stood tall and did it my way“, sang unter anderem Frank Sinatra. Zu Jochem Putsch hätte sicher auch ein Chanson gepasst. Einige Redner erinnerten an seine Begeisterung für Frankreich. Der Vorstand des Fördervereins verknüpfte die Vorliebe mit Putschs Hobby Rennradfahren: Er schenkte unter anderem eine Rotweinflasche mit einer Halterung für den Lenker.