Solingen: Solinger Arzt rettet Flüchtlinge im Mittelmeer

Solingen : Solinger Arzt rettet Flüchtlinge im Mittelmeer

Dr. Christoph Zenses geht Mitte Juni auf die "Sea-Watch II". Vor der Küste Libyens will er Ertrinkenden helfen.

Er ist seit 30 Jahren Arzt, war Not- und Schiffsarzt. Der Ohligser Dr. Christoph Zenses half nach Tschernobyl in der Ukraine mit dem Verein Pro Ost, begleitete Kriegskinder für das Friedensdorf und haucht der medizinischen Hilfe in Solingen seit Jahren Leben ein. Mit seinem jüngsten Vorhaben betritt der Retter allerdings eine völlig neue Welt. Zenses, Vater dreier Töchter und bereits dreimal Großvater, wird als behandelnder Arzt ab Mitte Juni auf der "Sea-Watch II" im Mittelmeer Bootsflüchtlinge aufspüren und retten helfen.

"Meine Frau Biggi und ich konnten unsere Kinder in Sicherheit aufwachsen sehen. Das können diese Menschen nicht", berichtet der 57-Jährige von seiner Idee, sich bei der deutschen Hilfsorganisation "Sea-Watch" als ehrenamtlich arbeitender Mediziner zu bewerben. Sea-Watch wurde 2014 gegründet und hat sich zur Aufgabe gemacht, Flüchtlinge aus Seenot zu retten.

Vor Wochenfrist war Christoph Zenses auf einer Medizinerschulung der Organisation in Hamburg und erlebte dort, dass Rettungsmedizin auf dem Mittelmeer kaum etwas mit der daheim zu tun hat. "Auf See gibt es nun einmal keinen Rettungswagen, der nach zehn Minuten das nächste Hospital erreicht", sagt der 57-Jährige. "Wir versorgen unsere Patienten direkt und oft hart an der Grenze zum Überleben."

Auf der "Sea-Watch II" wird der Ohligser Internist zusammen mit zwei erfahrenen Krankenschwestern in seinem 120 Quadratmeter großen "Medic-Room" Flüchtlinge betreuen, die während des 14 Tage dauernden Einsatzes aus Seenot gerettet wurden.

Das Schiff der Organisation mit Sitz in Berlin, das vom maltesischen Hafen Valletta aus in See sticht, kann 170 Menschen an Bord nehmen. Betrieben wird es von einer 14-köpfigen Crew. In einem 24-Stunden-Törn will man von Malta aus vor die libysche Küste fahren, dort aber außerhalb der heiklen 24-Meilen-Zone bleiben. Denn Helferschiffe, auch die von Sea-Watch, wurden von der Küstenwache bereits angegriffen. "Bis zu 6000 Menschen sind im vergangenen Jahr im Mittelmeer ertrunken, und das sind nur die Flüchtlinge, von denen wir wissen", sagt Zenses.

Dass die "Sea Watch"-Gründer keine Fantasten sind, beweist das umfangreiche, professionell ausgeführte Schulungsprogramm, dem sich die ehrenamtlichen Helfer unterziehen müssen. Medizinische Schulungen werden ebenso angeboten wie das sogenannte Crewing in Berlin, bei denen die Helfer Schiff, Regeln und Mitreisende kennenlernen. "In Rostock müssen alle zudem ein Basic-Safety-Training mitmachen", berichtet Christoph Zenses. Wertvolle Kenntnisse über Seenotrettung, die der Ohligser bereits hat. Vor wenigen Jahren fuhr er bereits als Schiffsarzt auf der MS Europa.

Diesmal betreut Zenses keine Urlaubspassagiere, sondern Menschen, die vor Durst fast tot sind oder deren Haut durch die aus Salzwasser, Diesel und Exkrementen bestehende Brühe im Schlauchbootinneren bis aufs Fleisch weggeätzt ist. Auf Krankheiten und Körperschäden, die nur Flüchtlinge haben können, sind die drei "Medics" vorbereitet. Auch Geburten, die bei afrikanischen Frauen häufig dramatisch verlaufen, werden an Bord vorkommen.

Was aber ist mit den Besatzungen selbst? "An Bord sind wir auch die Ansprechpartner für Crewmitglieder, bei denen posttraumatische Belastungen auftreten", sagt Zenses. Denn auch tote und sterbende Menschen können zum Alltag der Retter gehören. Eine Situation, der womöglich nicht alle Helfer gewachsen sind.

"Sea-Watch"-Helfern ist besonders das Bild eines toten Babys im Kopf geblieben, das vor der libyschen Küste bei einem früheren Einsatz starb. Deutlich sagt dazu der Sea-Watch-Helfer Ruben Neugebauer: "Wenn wir diese Bilder nicht sehen wollen, müssen wir aufhören, sie zu produzieren."

Auch Christoph Zenses, der in seinem Leben schon viel gesehen hat, ist die Beschreibung eines Helfers vom Hamburger Seminar nachhaltig in Erinnerung geblieben: "Wir beobachteten den leeren Horizont vor der libyschen Küste, plötzlich sahen wir ein, zwei, drei, dann sieben Boote voller Flüchtlinge, es müssen gut 500 Menschen gewesen sein. "

(RP)
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