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Solingens letzte Jugendherberge seit Ende September geschlossen

Solingen letzte Jugendherberge hat den Betrieb eingestellt : Die verlassene Herberge von Oberburg

Seit Anfang des Monats hat niemand mehr in der inzwischen geschlossenen Jugendherberge übernachtet. In der Nachbarschaft trauern die einen dem Ende einer Ära nach – andere weinen der Einrichtung keine Träne nach.

Friedlich und ein wenig verschlafen erscheint die Jugendherberge Oberburg in der warmen Herbstsonne. Äußerlich deutet wenig daraufhin, dass das Gebäude seit zwei Wochen leer steht. Die Mülleimer sind mit Müllbeuteln bestückt, ein kleines Gartentor rechts vom Haupteingang steht sperrangelweit offen. Auch die Gardinen sind nicht zugezogen.

„Bin gleich wieder da“ erwartet man auf dem Schild zu lesen, das an der Eingangstür hängt. Stattdessen prangt dort in schwarzen Lettern: „Die Jugendherberge ist geschlossen! Bitte keine Zeitungen mehr ablegen.“ Das Wort „geschlossen“ ist dreimal unterstrichen. Das klingt endgültig. Aus. Vorbei. Nach jahrelangem Tauziehen zwischen der Stadt Solingen, die die Herberge erhalten wollte, und dem Deutschen Jugendherbergswerk Rheinland als Betreiber steht nun alles still in Oberburg. Dass die Jugendherberge am 30. September den Betrieb eingestellt hat, war im Juni dieses Jahres beschlossen worden.

„Schade“, findet das Sarah Elsen, die mit ihrer Familie seit vier Jahren in unmittelbarer Nähe wohnt. Die Herberge habe für Leben im Stadtteil gesorgt: „Die vielen Schulklassen, die hier übernachteten, haben bewirkt, dass auch unter der Woche viele Veranstaltungen in Schloss Burg – insbesondere für Kinder – stattgefunden haben.“ Das falle nun alles weg, erzählt die 37-Jährige weiter.

Die Jugendherberge Oberburg ist seit dem 30. September geschlossen. Foto: Anna Steinhaus

Tatsächlich geht eine Ära zu Ende: Fast neun Jahrzehnte lang empfing die Herberge an der Stadtgrenze zu Wermelskirchen ihre Gäste. „So geht jede Tradition einmal vorbei“, erinnert sich Adelheid Gomille. Sie und ihr Ehemann leben seit mehr als 41 Jahren in ihrem Haus, wenige Schritte von der Jugendherberge entfernt. Die beiden können die Entscheidung des DJH Rheinland, den Standort zu schließen nicht nicht verstehen. Im Winter sei natürlich weniger los gewesen, aber die Jugendherberge sei ansonsten „gut gelaufen“.

Tatsächlich hatten bereits Ende 2017 Schluss sein sollen. Zahlreiche Vorausbuchungen bewegten die Verantwortlichen jedoch dazu, den Termin noch einmal zu verschieben. Veraltet sei die Ausstattung in Oberburg gewesen und entspreche nicht mehr den heutigen Standards. Die Kritik kann Wolfgang Gomille nicht verstehen. „Den Kindern hat das doch nichts ausgemacht. Die waren doch froh, zu fünft oder zu sechst auf den Zimmern zu sein – und dann mit Waschsälen. Das war doch ein Erlebnis.“

Für das Jugendherbergswerk war die Einrichtung indes nicht mehr zeitgemäß: Aus 118 Betten sollten 60 werden, weg mit dem Waschsaal, jedes Zimmer mit eigenem Bad, so lautete zunächst der Plan. Zwei Millionen Euro war der Verband bereit zu investieren. Als die berechneten Kosten auf 3,5 Millionen Euro anstiegen, wurde die geplante Sanierung abgesagt. Umbau und Modernisierung sei „betriebswirtschaftlich nicht sinnvoll“, so der damalige Geschäftsführer Friedhelm Kamps.

Dass das Kapitel „Herberge Oberburg“ vorerst geschlossen bleibt, sorgt jedoch nicht bei allen für Wehmut: „Die Bevölkerung ist froh, dass sie weg ist“, befindet ein Anwohner, der seinen Namen nicht nennen möchte. „Lärmbelästigung“, dutzende Pkw und Busse, die die Garagen der Bewohner zuparkten, all das sei immer wieder ein Problem gewesen ­– und habe die zuständigen Herbergseltern nicht gekümmert. „Wir Anwohner weinen der Herberge keine Träne nach.“

Auch Sarah Elsen empfand die Parkplatzsituation teilweise als „problematisch“: Bezüglich der Lautstärke-Beschwerden hat die zweifache Mutter jedoch eine eindeutige Meinung: „Kinderlärm ist für mich kein Lärm“. Das sieht auch das Ehepaar Gomille so. „Uns hat das nicht gestört“, sagt Adelheid Gomille. „Im Gegenteil“. Und die 68-jährige ergänzt schmunzelnd: „Wenn man da hin zieht, weiß man das. Die Jugendherberge gibt es schließlich schon länger.“

Die Oberburger werden sich nun daran gewöhnen, von „ihrer“ Jugendherberge in der Vergangenheitsform zu sprechen. Im Dezember soll die Entscheidung fallen, wie es mit dem Grundstück weitergeht. Und bis dahin ? Stillstand. Nur die Zeitungen stapeln sich trotz des Hinweiszettels weiter vor dem Haupteingang. So, als sei bald wieder jemand anzutreffen.