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Solingens einzige freie Trauerrednerin

Trauerrednerin Julia Barth : "Der Tod ordnet die Welt neu"

Ein besonderer Beruf mit besonders viel Fingerspitzengefühl: Julia Barth ist Freie Rednerin auf Solingens Friedhöfen.

Eines im Leben ist sicher: der Tod. Und ein anderes ist damit ebenfalls klar: Jeder Weg, so gerade oder krumm er auch sein mag, führt auf den Friedhof. Ein Weg der besonderen Art führt Julia Barth bis zu zehn Mal in der Woche zu diesen Orten in Solingen und Umgebung - beruflich. Als junge Abiturientin der August-Dicke-Schule hat sich die heute 45-Jährige das sicher nicht träumen lassen. Nach begonnenem Jurastudium und langer Tätigkeit als Luftverkehrskauffrau ist sie seit fünf Jahren Freie Rednerin - besonders eben bei Trauerfeiern. Die Einzige in Solingen.

"Ich hatte ein enges Verhältnis zu meinem Großvater", berichtet die Mutter und Ehefrau über ihre Anfänge. "Da war es schnell klar, dass ich die Grabrede halten sollte." Und ebenfalls ein Jahr später bei ihrer Großmutter. Bekannte und Bestatter wurden auf dieses besondere Talent aufmerksam. Und auch ihr Gatte, der ehemalige Diakon Hans Peter Barth, bestärkten sie, in diese Richtung zu gehen - zunächst neben dem eigentlichen Beruf. "Ich bin allerdings Häuptling und kein Indianer. Und an zwei Tagen im Büro kann man nicht Häuptling sein."

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Mit ihrer typischen Mischung aus Humor und Offenheit wagte sie vor fünf Jahren den endgültigen Schritt. "Das war der richtige Sprung. Ich weiß jetzt, warum ich morgens aufstehe - und zwar nicht für ein Gehalt. Das ist in einem Job sehr selten." Ein Job, der viel Gefühl braucht, nicht nur in den Fingerspitzen. "Ich begleite Menschen. Ich versuche Ängste zu nehmen, es ihnen einfacher zu machen." Das sie da das Richtige macht, sagen ihr auch die Angehörigen, die sich bei Julia Barth bedanken. "Das Wichtigste ist das Gespräch mit den Angehörigen ein paar Tage vor der Beisetzung. Da gehe ich nicht als schwarz gekleidete Trauerrednerin hin, sonders als Ich - als Ich in Jeans und Hemd. So möchte ich kennenlernen und kennengelernt werden."

Jeder Mensch soll so verabschiedet werden, wir er war, und das liebevoll, aber auch ehrlich. "Viele denken zunächst, dass es ja nicht allzuviel aus dem Leben der Oma zu berichten gibt." Aber das Gegenteil ist meist der Fall. "Wenn das Gespräch läuft, kommen manchmal richtig skurrile Geschichten zu Tage." Da gibt es auch oft Gelächter. "Und das kann in diesen schweren Stunden auch sehr befreien." Offenheit ist wichtig. "Eine Trauerrede ist keine Abrechnung und auch keine Heiligsprechung. Da kann man ruhig mal sagen, dass der Verstorbene etwa ein sturer Bock war. Denn jeder weiß, was gemeint ist." Das kann Menschen auch verändern. Wenn sich beispielsweise seit Jahren zerstrittene Brüder am Grab versöhnen. "Der Tod ordnet die Welt neu."

Julia Barth macht sich Notizen, denkt die folgenden Tage über das Leben des Verstorbenen nach - und spricht dann frei, "um auch auf die Stimmung und Situation auf dem Friedhof reagieren zu können". Fertige Textbausteine hat die Rednerin nicht - abgesehen vom Vaterunser, wenn es gewünscht wird. "Ich stelle in den letzten Jahren fest, das viele konfessionslose Bestattungen doch sehr christlich gewünscht werden." Das drängt die engagierte Katholikin nicht auf. Aber sie ist sicher: "Unsere Kultur ist christlich geprägt. Menschen mögen der Kirche oder den Priestern fern stehen, aber niemand ist wirklich glaubensfremd." Hier könne man Brücken bauen. Dennoch: "Meine Aufgabe ist es, ohne Mission zu begleiten. Ich versuche, niemanden zu überzeugen." Und mit Augenzwinkern: "Da brauchen die Pastoren keine Angst haben. Ich nehme ihnen nichts weg."

Im Zentrum stehen letztlich die Erinnerungen an einen Menschen, wie er war. "Und Musik ist ein großer Träger von Erinnerungen." Wenn der Verstorbene Blau-Weiß-Fan war, kann ruhig "Steh auf, wenn du ein Schalker bist" erklingen. Da ist Julia Barth ganz offen. Nur der Teufel kommt ihr nicht ins Haus: "Highway to hell" gibt es bei ihr auf dem Friedhof nicht. Ihre Arbeit hat auch eine Idee keimen lassen. "Ich höre bei meinen Gesprächen so viele anrührende Kennenlern- und Liebesgeschichten: Das wäre einmal etwas für ein Buch", sagt die "Priesterin". Also solche wurde sie einmal in einer Danksagung tituliert. Ein Fingerzeig gen Rom ?