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Solingen / Wuppertal: 51-Jährige gesteht Tötung eines Pflegekindes

Prozess am Landgericht Wuppertal : 51-Jährige gesteht Tötung eines Pflegekindes

Eine 51-Jährige hat gestanden, ihr 21 Monate altes Pflegekind in Solingen getötet zu haben. Die Frau steht seit Montag wegen Körperverletzung mit Todesfolge vor dem Wuppertaler Landgericht.

Beim Weg zur Anklagebank hatte sie sich die Kapuze tief über die Stirn gezogen. Dazu kam sie mit Mundschutz und einem Ordner, den sie sich vor den Kopf hielt. Auch auf der Anklagebank verbarg die 51-Jährige ihr Gesicht hinter den Haaren. Es dauerte lange, bis sie die Kontrolle über ihre Blickrichtung verlor.

Schuldgefühle, weil sie den Tod eines ihr anvertrauten Pflegekindes zu verantworten hat? Das mag ein Grund für ein solches Verhalten sein. Eine andere Erklärung lieferte die Angeklagte viel später im Prozess, als sie selbst über ihre seelische Überforderung als möglichen Auslöser für die Tat sprach: „Ich bin zu Selbstbeherrschung und Kontrolle erzogen worden. Gefühlsduselei gab es nicht.“

Dass sie damals beim Blick in die Augen des sterbenden Kindes die Augen ihres Vaters gesehen haben will, den sie Wochen zuvor in einer medizinischen Notlage in seiner Wohnung gefunden hatte: Mit solchen Aussagen wird sich die psychiatrische Sachverständige noch befassen müssen. Eines scheint jedoch klar zu sein: ein Onkel gestorben, der Vater pflegebedürftig erkrankt und ein 21 Monate altes Pflegekind – es war viel zusammengekommen im Juni 2017. Die Angeklagte selbst spricht von massiver Überforderung. Sie habe die 44 Wohneinheiten des als Steuerberater tätigen Vaters damals allein verwalten und dessen Mandanten betreuen müssen. Anzeichen der Überforderung soll es schon vor der Tat gegeben haben.

Warum die Angeklagte sich das nicht selbst eingestanden und das ihr anvertraute Kind in andere Hände gegeben hat ? Einmal soll sie das Mädchen beim Einkaufen derart grob vor sich hergeschoben haben, dass entsetzte Passanten eingeschritten seien. Ein anderes Mal soll sich das Kind beim Spielen einen Arm gebrochen haben – im Krankenhaus waren Zweifel an dem aufgekommen, was die Angeklagte zu den Verletzungsursachen erzählt haben soll. Auch an dem Tag, den das Mädchen nicht überlebte, hatte die 51-Jährige anfangs gelogen und den Rettungssanitätern erzählt, das Kind sei vom Stuhl gefallen. Am Ende waren bei dem Mädchen unter anderem ein Leberriss und ein Riss des Herzvorhofes festgestellt worden.

Das Kind habe nicht essen wollen und mit dem Löffel um sich geschlagen. Nach einem Schlag ins Gesicht war der Kinderstuhl umgekippt und das Mädchen sei auf ein Spielzeug gefallen. Sie habe dem Kind im Kinderzimmer das blutverschmierte Oberteil ausziehen wollen und sei dabei über das hinter ihr stehende Mädchen gestolpert. „Dann hat es bei mir ausgesetzt“, schildert die Angeklagte das, was dann passiert sein soll.

Im rechtsmedizinischen Gutachten wird später stehen, dass das am Boden liegende Kind getreten und geschlagen wurde. Mit dem bewusstlosen Opfer im Arm will die nun wegen gefährlicher Körperverletzung mit Todesfolge angeklagte Pflegemutter den Notarzt gerufen haben.

Der habe das Kind im Rettungswagen mitgenommen – sie selbst sei zurück ins Haus gegangen, um die blutverschmierten Sachen im Wäschekorb zu verstauen. Weil sie von der Tat habe ablenken wollen, einerseits. Aber auch, weil sie immer alles aufräumen würde. Selbstbeherrschung, Kontrolle – so erklärte die Angeklagte dem Gericht, warum er das Aufräumen in eines solchen Lage so wichtig gewesen sei.

Warum sie überhaupt ein Pflegekind bei sich aufgenommen hat? Auch dazu hat die 51-Jährige dem Gericht etwas gesagt: Sie habe keine Kinder bekommen können und sich eine Familie gewünscht.

Gleich nach Prozessbeginn hatte es ein Rechtsgespräch hinter verschlossenen Türen gegeben – daher steht fest: Räumt die Angeklagte die Tat ein, wird sich der Strafrahmen zwischen den mit der Kammer vereinbarten fünf und sieben Jahren bewegen. Mit ihrem Geständnis hat sie den Weg geebnet für ein solches Urteil.