Fachwerkbrücke in Solingen Windfelner Brücke ist nun auch ein Baudenkmal

Solingen · Ohne die Windfelner Brücke würde es die Müngstener Brücke nicht geben. Trotzdem steht die kleinere Brücke im Schatten der berühmten Schwester.

 Die Windfelner Brücke war zunächst nur einspurig befahrbar. Die Stahlkonstruktion wurde verstärkt., seit 1907 trägt das „Fachwerk" zwei Spuren.

Die Windfelner Brücke war zunächst nur einspurig befahrbar. Die Stahlkonstruktion wurde verstärkt., seit 1907 trägt das „Fachwerk" zwei Spuren.

Foto: Fred Lothar Melchior

Es gibt ein Foto aus Richtung Felsenkeller, das die Windfelner Brücke in ihrer ganzen Größe zeigt. Die Schwarzweiß-Aufnahme ist mehr als 100 Jahre alt und entstand nicht lange nach Fertigstellung der Talbrücke – für deren Bau man große Flächen gerodet hatte. Heute sieht man die 155 Meter lange und 40 Meter hohe Brücke vor lauter Bäumen kaum. Wer auf der Remscheider Straße (B 229) fährt, passiert die ans Brückenbauwerk anschließende Überführung in Nähe des Halfeshofs – und hat wegen der Engstelle ohnehin keine Muße, in Richtung Windfelner Bachtal zu schauen.

Dass die Windfelner Brücke jetzt trotz ihrer Lage ganzjährig ins Blickfeld rückt, liegt am LVR-Amt für Denkmalpflege im Rheinland und an der Unteren Denkmalbehörde. Sie sorgten dafür, dass die eher unscheinbare kleine Schwester der Müngstener Brücke – mit Zustimmung der Bezirksvertretung Mitte – unter der Nummer 1053 ihren Platz in der Denkmalliste findet. Das auch Schaberger Brücke genannte Bauwerk „stand schon immer im Schatten der Müngstener Brücke“, heißt es auf der Homepage der großen Schwester. Die aber hätte ohne die Windfelner Brücke gar nicht errichtet werden können. Gutachter Dr. Ralf Liptau vom Landschaftsverband beschreibt die Windfelner Brücke als „letztes verbliebenes Zeugnis der umfänglichen und komplexen bauvorbereitenden Maßnahmen und Hilfsbauten für den Bau der Müngstener Brücke“. Gedankt wurde es der 1892 bis 1894 errichteten Brücke nicht. „Ihre Eröffnung wurde noch nicht einmal mit einem Festakt begangen“, schreibt Liptau in seinem Gutachten.

Das mag daran gelegen haben, dass die kleinere Brücke über den Windfelner Bach im Gegensatz zu der großen über die Wupper „nichts Besonderes“ mehr war. Stählerne Fachwerkbrücken gab es in Deutschland schon seit 1858. Die Windfelner Talbrücke, betont der Gutachter, sei aber die längste und am authentischsten erhaltene Brücke einer „einfacheren Art“ im Rheinland – auch wenn ein Teil der Straßenüberführung 1986 nach einem Lkw-Unfall ausgetauscht werden musste und deshalb nicht denkmalgeschützt ist.

Besonders ist die Windfelner Brücke für den Experten, weil sie „noch enge Bezüge zum Holzbrückenbau“ hat und weil sie in die offene Landschaft gesetzt wurde. Andere Fachwerkbrücken aus Stahl waren in Städten entstanden und nicht selten wesentlich kleiner. Ihre Bedeutung für die Region haben Windfelner und Müngstener Brücke, weil die Züge nicht mehr über Elberfeld fahren mussten: Vor Fertigstellung der Bahnlinie zwischen Solingen und Remscheid, die nur acht Kilometer auseinander liegen (Luftlinie), legten die Züge 44 Kilometer zurück.

 Von der Windfelner Brücke ist es nicht mehr weit bis zur Müngstener Brücke.

Von der Windfelner Brücke ist es nicht mehr weit bis zur Müngstener Brücke.

Foto: Peter Meuter

In Solingen habe man sich einen besseren Anschluss ans Siegerland gewünscht, in Remscheid den Zugang zu den Rheinhäfen. Liptau: „Insgesamt sollte die ganze Industrieregion darüber hinaus über die Ems und die Weser besser mit den deutschen Nordseehäfen verbunden werden.“ Im wörtlichen wie im übertragenen Sinn habe die Bahnverbindung den „späten Anschluss an die zu diesem Zeitpunkt bereits hochindustrialisierte Wirtschaftsstruktur des Deutschen Reichs“ ermöglicht. An der Windfelner Brücke zeigt sich für den Gutachter „in sehr beispielhafter Weise“ die Wechselwirkung von Verkehrs- und Wirtschaftsentwicklung am Ende des 19. Jahrhunderts.

Auch aus einem weiteren Grund ist die Windfelner Brücke denkmalwürdig – und erregt an Hochschulen wie der TU Dresden und der BTU Cottbus möglicherweise mehr Aufmerksamkeit als in der Klingenstadt. Für Liptau hat das Bauwerk „Zeugniswert für die konstruktionsgeschichtliche Forschung“. An beiden Hochschulen geht es bei mehreren Projekten unter Zusammenarbeit mit anderen Experten um das „Kulturerbe Konstruktion“, ein von der Deutschen Forschungsgemeinschaft finanziertes Schwerpunktprogramm.

Und natürlich, unterstreicht der Gutachter, sei die Windfelner Brücke auch dominant und landschaftsprägend – wenn man sie denn „zumindest in laubfreien Wintermonaten“ sieht.

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