Solinger Wasserturm ist Baudenkmal Oben Wasser – unten Bier

Serie | Solingen · Der Wasserturm an der Schlagbaumer Straße in Solingen hatte von Anfang an eine Sonderstellung – und wurde durch einen Anbau noch interessanter.

Mit „hoher architektonischer und stadtbildprägender Bedeutung“: der „malerisch wirkende Gesamtbau“ von der Schlagbaumer Straße aus gesehen.

Mit „hoher architektonischer und stadtbildprägender Bedeutung“: der „malerisch wirkende Gesamtbau“ von der Schlagbaumer Straße aus gesehen.

Foto: Fred Lothar Melchior

„Hochoriginell“. So bewertete der Gutachter des Landschaftsverbands 1997 die „Wasserturmanlage“ an der Ecke von Schlagbaumer Straße und Germanenstraße. „Anlage“, weil der 1891 gebaute Wasserturm gut 20 Jahre später drastisch sein Aussehen verändert hatte: Da das ursprüngliche Reservoir mit 400 Kubikmetern Fassungsvermögen nicht mehr ausreichte, wurde ihm noch ein 1000-Kubikmeter-Behälter zur Seite gestellt.

Der ursprüngliche Wasserturm „im Festungsstil“ gehörte zu Wald, und es war ein Walder Architekt, der auf seiner Basis ein Gesamtkunstwerk schuf: Ernst Buschmann ließ nur den Kern des Turms samt Stahlbehälter sowie einen Teil der Mauern und das außenliegende Treppenhaus stehen. Daran schloss er den Neubau an, wie ihn Vorbeifahrende sowie -gehende kennen – und die Besucher des Steakhauses. Denn auch das war „originell“: Schon im ersten Gebäude gab es zeitweise Wohnungen und fast von Anfang an eine Schänke.

Die Gastronomen wechselten. Seit Winter 2011 bewirtet die Familie Cakar nach einem Umbau der Räume ihre Gäste – die den ursprünglichen Charakter der „Wasserturmanlage“ nur noch erahnen können. Speziell dann, wenn ihr Tisch direkt am noch erhaltenen runden Fundament des kleineren Behälters steht. Auch über ihren Köpfen, in der für Besucher nicht zugänglichen ersten Etage, erinnert nur noch ein Unterbau aus Ziegeln an den Stahlbehälter. Er wurde – wie sein größeres Pendant im neueren Teil des Gebäudes – in den 1990er Jahren entfernt, als die Familie Kunde (Getränkevertrieb) den Wasserturm erwarb. Damals stand das Gebäude, das seit 1982 nicht mehr der Wasserversorgung diente, noch nicht unter Denkmalschutz.

Anschauungsunterricht kann es also nicht mehr geben. Bei der Unteren Denkmalbehörde weiß man aber genau, was verloren gegangen ist – ein Beleg für die Ingenieurkunst von Prof. Dr. Otto Intze. Der Geheime Regierungsrat und Rektor der TH Aachen berechnete nicht nur die Staumauer der Remscheider Talsperre, sondern auch die Form von Wasserbehältern. Experten sprechen bei dem kleineren der beiden Walder Behälter von der „Intze-I-Form“. Er hatte einen speziellen Boden und einen größeren Durchmesser als der Auflagering, der ihn trug.Der zweite, neuere Hochbehälter folgte dem Hängeboden-Prinzip: Er saß auf einem Betonring auf, der die starken horizontalen Kräfte beim Befüllen und Entleeren ausglich. Der Auflagering ist noch erhalten. Pläne, die obere Etage des Gebäudes zu nutzen, wurden aber nicht umgesetzt. „Ein riesiger leerer Raum wartet auf seine Nutzung“, schrieb Dr. Beate Battenfeld 2004 in ihrer Broschüre über die Anfänge der zentralen Wasserversorgung in den heutigen Solinger Stadtteilen.

Nach dem Abbau der beiden Wasserbehälter entstand im Obergeschoss ein „imponierender Großraum, der den Blick in die aus Winkeleisen-Bindern gefügte Dachkonstruktion freigibt“, heißt es im Gutachten zum Denkmalwert.

Nach dem Abbau der beiden Wasserbehälter entstand im Obergeschoss ein „imponierender Großraum, der den Blick in die aus Winkeleisen-Bindern gefügte Dachkonstruktion freigibt“, heißt es im Gutachten zum Denkmalwert.

Foto: Fred Lothar Melchior

Ideen für die Nutzung gab es einige: Architektur-Studenten und -Studentinnen der Bergischen Universität beschäftigten sich 1993/94 mit dem Bauwerk. Ihre Vorschläge reichten von einem Kulturzentrum bis zur Diskothek. Umgesetzt wurden sie aber nicht, weil sich kein Betreiber fand. Auch die Nachbarn sollen der Diskotheken-Idee nicht sehr aufgeschlossen gegenübergestanden haben.

Reizvoll ist der große Raum dank seines ovalen Grundrisses und des Blicks in die offene, außen verschieferte Dachkonstruktion mit ihren Winkeleisen-Bindern allemal. Eine originelle Nutzung würde zum Gebäude passen. „Architektonische und städtebauliche Lösungen wie diese sind auf dem Feld dezentraler städtischer Wasserversorgungen zwischen Ende des 19. Jahrhunderts und Erstem Weltkrieg äußerst selten und daher schutzwürdig“, befand der Gutachter.

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