Solingen Vorbild im Kampf gegen Wetterkapriolen

Starkregen: Solingen Vorbild im Kampf gegen Wetterkapriolen

Fachleute aus dem ganzen Bundesgebiet trafen sich gestern im Alten Bahnof zum Thema „Umgang mit Starkregen“.

Einige Zuhörer gaben sich zu Beginn der Veranstaltung rebellisch: Als Gastgeber Dr. Igor Borovsky von der Technischen Akademie Hannover die rhetorische Frage aufwarf, wer denn glaube, dass die Temperaturen des Sommers normal gewesen seien, schnellten immer noch viele Finger nach oben. Einig waren sich jedoch bis auf einen Gast alle in der nächsten Frage – nämlich, ob es mehr schwere Unwetter gebe als früher. Die klare Antwort: Ja.

Viele Beispiele dafür nannten die Referenten in der Schalterhalle des Alten Bahnhofs – allein das heftige Gewitter mit sintflutartigen Regenfällen am Gedenktag zum Solinger Brandanschlag war noch gut in Erinnerung. Wie man den Folgen derartiger Wetterextreme effektiv begegnen kann, das diskutierten gestern inklusive Referenten rund 150 Experten, Verwaltungsmitarbeiter und Kommunalpolitiker aus dem ganzen Bundesgebiet. Die Technische Akademie Hannover hatte gemeinsam mit der Stadt Solingen zum Erfahrungsaustausch über „Neue Möglichkeien im Umgang mit Starkregenereignissen“ eingeladen.

Dass dieser Standort kein Zufall war, betonten alle Beteiligten mehrfach. „Solingen hat ein super gutes, erfolgreiches Konzept zur Stadtentwässerung entwickelt“, lobte Ingenieur Borovsky. Der Lohn dafür war in diesem Jahr der „Blaue Kompass“ des Bundesumweltministeriums für die Technischen Betriebe. Deren Abteilungsleiter der Straßen-, Kanalplanung und -ausführung, Wulf Riedel, kam zu einem der ersten Vorträge aufs Podium – und skizzierte Maßnahmen, wie man sich mit den besonders üblen Launen der Natur arrangieren kann.

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Mit dickeren Kanalrohren offensichtlich nicht: Um einem Extremunwetter, wie etwa 2014 in Münster, zu widerstehen, als es sieben Stunden lang wie aus Wasserwerfern regnete, rechnete er vor, müsse man theoretisch das 600 Kilometer lange Solinger Kanalsystem derart umrüsten, dass dabei Kosten von mehr als einer Milliarde Euro anfielen. Und selbst dann wüsste man immer noch nicht, wohin letztlich mit dem Wasser.Stattdessen legte Riedel den Fokus auf einen breiten Strauß an Maßnahmen, wie die Nutzung von Frei- und Grünflächen als Rückhalteraum. In Solingen habe man sich daran gemacht, besondere Gefahrenstellen durch bauliche Maßnahmen zu beseitigen, erklärte Riedel und zeigte beispielhaft das Foto eines trichterförmigen Parkplatzes. Bei Neubauvorhaben führe die Stadt gewissenhaft einen Überflutungsnachweis.

Für die Zukunft forderte der Referent, mehr Grün-Dächer zu schaffen, die ebenfalls für einen natürlichen Rückhalt sorgen und zugleich Wasser speichern könnten. Ein wichtiger Baustein sei jedoch schließlich die gezielte Bürgerinformation – mit Gefahrenpotentialkarte, Online-Test für Grundstückseigentümer oder einer Starkregenwarn-App.

Bis in den Nachmittag hinein widmeten sich die Gäste dem Thema mit mehreren Vorträgen, einem Praxisblock und einer anschließenden Diskussion, um Impulse mitzunehmen. „Starkregenereignisse“, fasste Igor Borovsky zusammen, „sind künftig eine enorme Herausforderung, auf die die Städte jetzt reagieren müssen.“

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