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Solingen: Streit um künftige Ausrichtung bei Firma Carl Mertens

Streit um Strategie in Solinger Manufaktur : Neuer Geschäftsführer bei Carl Mertens

Chinesischer Mehrheitsgesellschafter setzt bei Carl Mertens einen neuen Geschäftsführer ein. Die 19-köpfige Belegschaft ist ebenso sprachlos wie der bisherige Geschäftsführer Curt Mertens.

In der über 100-jährigen Firmengeschichte war bei der Firma Carl Mertens vom Krahenhöher Weg nicht alles eitel Sonnenschein. Zwei Insolvenzen im Jahr 2006 und 2014 waren zu verzeichnen, doch stets hat sich beim 1919 gegründeten Unternehmen wie ein roter Faden die gute Qualität der Mertens-Produkte gezogen. Das habe geholfen, auch schwierige Zeiten zu überwinden, erklärte Curt Mertens, der seit 1978 an der Spitze der traditionsreichen Solinger Manufaktur Carl Mertens steht.

Doch mit den Produkten „Made in Solingen“ und auch der Geschäftsführung von Curt Mertens ist nun Schluss: Die seit 2015 im Unternehmen befindliche chinesische Mehrheitsgesellschaft hat vergangenen Freitag mit Rolf He einen chinesischen Vertreter der Gesellschafterfamilie Xiong aus der Provinz Sichuan als Geschäftsführer der Carl Mertens International GmbH eingesetzt.

Unterschiedliche strategische Ansätze über die künftige Ausrichtung der Marke Mertens werden als Grund für den Wechsel in der Geschäftsführung angeführt. Denn der chinesische Mehrheitsgesellschafter setzt künftig auf Handel und Internationalisierung – ohne Produktion in Deutschland und ohne „Made in Solingen“.

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  • Foto: Peter Meuter / Solingen, Platzhofstrasse,
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Das ist mit Curt Mertens nicht zu machen. Der 66-Jährige sieht die Zukunft der Solinger Manufaktur vielmehr in der technischen Weiterentwicklung und im Ausbau der Produktion. „Wir hatten zuletzt trotz Corona-Krise ein sehr gutes Auftragspolster und keine Kurzarbeit. Die Ankündigung der Mehrheitsgesellschaft stößt bei mir und den 19 Mitarbeitern auf völliges Unverständnis. Wir sind alle sprachlos, wir verstehen das nicht“, erklärte Curt Mertens am Dienstag im Anschluss an eine Betriebsversammlung.

Zumal derzeit keiner am Krahenhöher Weg weiß, mit welchen Produkten die Carl Mertens International GmbH künftig handeln soll. „Das ist uns noch nicht bekannt, das muss noch hinterfragt werden“, sagte Mertens, der zugleich auch Vize-Präsident der Bergischen Industrie- und Handelskammer (IHK) ist.

Zum 1. Mai 2015 war der Geschäftsbetrieb der Solinger Besteckmanufaktur Carl Mertens in die Auffanggesellschaft Carl Mertens International GmbH übergegangen. Nach der Insolvenz im Jahr 2014 ging es dem neuen chinesischen Partner vor allem um einen deutschen Produktionsstandort und „Made in Solingen“. Die „Sichuan Liuhe Forging Ltd.“ betreibt in der Edelstahlbranche ein Stahlwerk. Produziert werden dort unter anderem hoch legierte Edelstähle für Turbinenschaufeln. Von der damals geschlossenen Partnerschaft erhoffte sich das Solinger Unternehmen, das zuletzt neben Bestecken mit Erfolg auch in der Klingenstadt gefertigte Kochmesser mit ins Programm nahm, viele neue Vertriebskontakte im Reich der Mitte.

Curt Mertens hat in den vergangenen vier Jahrzehnten das Unternehmen zur internationalen Designmarke aufgebaut. Vielfältige Designpreise, sei es nun der „Red Dot“ oder der „IF Design Award“, wurden der Manufaktur verliehen. „Als Verfechter der Solinger Schneidwaren-Tradition war es mir immer ein besonderes Anliegen, auch in schwierigen Zeiten die Fertigung von Bestecken und Kochmessern am Standort Solingen zu erhalten“, sagte Curt Mertens. Im Zuge der Corona-Krise sei das Interesse der Verbraucher am Kochen zu Hause noch gestiegen. Im Hinblick darauf, so Mertens, sei die Marke richtig positioniert und gut für die Zukunft aufgestellt.

Ob es allerdings noch eine Zukunft von Curt Mertens im Unternehmen gibt, das kann der 66-Jährige derzeit nicht abschätzen. Der Gesellschafter hat ihm angeboten, die Firma weiter zu begleiten und zu beraten. Curt Mertens: „Ich habe mich noch nicht entschieden, ob ich das Angebot annehme.“