Schwerpunkt Batterie-Obus: Solingen soll ins E-Zeitalter durchstarten

Schwerpunkt Batterie-Obus: Solingen soll ins E-Zeitalter durchstarten

Gestern wurde der BOB offiziell präsentiert. Das Modell könnte auch Müllabfuhr und Straßenreinigung verkehrstechnisch revolutionieren.

Die Beschleunigung war wirklich fulminant. Eben noch hatte der neue Batterie-Obus (BOB) der Stadtwerke Solingen (SWS) an der Oberleitung gehangen. Doch dann ging alles ganz schnell. Innerhalb weniger Sekunden senkten sich die Stangen ab - und das 18,75 Meter lange Gefährt mit SWS-Fahrleiter Thomas Schulz am Steuer nahm Fahrt auf.

# Fahrleiter Thomas Schulz hat mit neuen Obus bereits 600 Testkilometer zurückgelegt. Foto: Radtke Guido

Schon einige Augenblicke später hing die Tachonadel bei 60 km/h, wobei der regelrechte Kickstart des Busses gestern Vormittag bei der offiziellen Präsentation der jüngsten Solinger Obus-Generation auf dem Betriebshof der Stadtwerke an der Weidenstraße lediglich ein Anfang gewesen sein soll. Denn bereits in ein paar Wochen wird der moderne "Solaris Trollino" für Testfahrten auf die Straßen der Klingenstadt gehen, ehe nach den Sommerferien die erste Probe aufs Exempel folgen wird. Dann soll der BOB auf der bislang von Diesel-Bussen betriebenen Linie 695 (Meigen - Abteiweg) verkehren.

" Projektleiter Holger Ben Zid (r.) erklärt dem Bundestagsabgeordneten Jürgen Hardt die Technik. Foto: Radtke Guido

Insgesamt wollen die Stadtwerke zunächst vier Batterie-Obusse erproben, um in den nächsten Jahren nach und nach die Flotte der Dieselbusse auszutauschen. Und nicht nur das: Läuft alles nach Plan, könnte sich von Solingen aus eine echte Verkehrs-Revolution ihre Bahn brechen. Die neue Technik des BOB erlaubt es nämlich, die Batterien der Obusse einerseits während der Fahrt unter den Oberleitungen und andererseits in den Nachtstunden im Depot wieder vollständig aufzuladen.

! In mehreren Akkus wird der Strom für die Strecken einspeist, auf denen es keine Oberleitungen gibt. Foto: Köhlen Stephan

Im Klartext: Sollte sich das von der Bundesregierung mit 15 Millionen Euro geförderte Pilotprojekt in der Klingenstadt bewähren, wäre es durchaus denkbar, dass später auch in anderen Städten das E-Zeitalter im ÖPNV anbricht - und die zugrundeliegende Technik darüber hinaus noch weitere Bereiche erobert, die bisher eher selten mit der Elektromobilität in Verbindung gebracht wurden.

$ Wo bei anderen Fahrzeugen der Füllstand des Tankes angezeigt wird, ist es beim BOB der Ladestand der Batterien. Foto: Radtke Guido

Die Gäste bei der Vorstellung des im polnischen Posen gebauten und seit Mitte Januar in Solingen erweiterten Prototyps gaben sich am Donnerstag jedenfalls optimistisch. "Es ist zu überlegen, ob der BOB auch für die Müllabfuhr und die Straßenreinigung infrage kommt", sagte beispielsweise der bergische Bundestagsabgeordnete Jürgen Hardt (CDU). Der Parlamentarier kündigte an, schon im Sommer dieses Jahres den designierten Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) in die Klingenstadt einladen zu wollen, um diesem die Vorzüge der Solinger BOB-Technik nahezubringen.

" Peter Sosna, Geschäftsführer der SWS-Netze, durfte auf dem Betriebshof eine Probefahrt machen. Foto: Radtke Guido
  • Prototyp : Neuer Batterie-Obus ist angekommen

Was nach Überzeugung von Oberbürgermeister Tim Kurzbach (SPD) wiederum kein allzu großes Problem darstellen dürfte. "Wir besitzen mit dem batteriebetriebenen Obus ein Angebot an Deutschland und an die Welt", betonte der OB, der gestern zudem klarmachte, dass er sich vom BOB einen sprichwörtlichen Quantensprung sowohl für die neue Technik, als auch für die Stadt als Ganzes verspricht. Kurzbach: "In Sachen Digitalisierung und Umwelt ist das ein guter Tag für uns in Solingen".

Das erste Fahrzeug der neuen Obus-Generation ist seit Januar in Solingen. Drei weitere folgen demnächst. Besteht die BOB-Technik den Härtetest, wird sie die Dieselbusse ersetzen. Foto: Radtke (4), Köhlen (3)

Eine Einschätzung, die sich bewahrheiten könnte. Denn seitdem der erste BOB in Solingen steht, laufen die Interessenten den Stadtwerken förmlich die Tür ein. So waren schon Gäste aus verschiedenen deutschen Städten wie Düsseldorf, aber auch aus dem Ausland zu Gast, um das Wunderwerk der Technik, das die SWS mit mehreren Partnern wie etwa der Bergischen Universität in Angriff genommen haben, zu bestaunen.

Tatsächlich ist das BOB-Konzept vielversprechend. So könnte mit der Hilfe der neuen Busse der ÖPNV mittelfristig vollkommen diesel- und emissionsfrei werden. Möglich erscheint dies, weil das Solinger Oberleitungssystem mit den Innovationen der Batterietechnik verbunden wird.

In der Testphase gilt es nun, Erfahrungen, etwa zum Leistungsverhalten, zu sammeln, verdeutlichte Conrad Troullier, Geschäftsführer der Verkehrsbetriebe bei den SWS. Doch damit ist es nicht getan. Parallel wird der BOB nämlich einem echten Härtetest unterzogen. "Das wird kein Laborversuch", stellte Troullier gestern klar.

(or)
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