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Solingen: Schulen sehen sich durch neue Vorgaben an ihren Grenzen

Corona bringt Solinger Lehrer an ihre Grenzen : „Schulen sind keine Testzentren“

Nicht einmal drei Wochen nach den Ferien ist das Chaos in Solingens Schulen groß. Die Lehrergewerkschaften kritisieren die geänderte Teststrategie für Grund- und Förderschulen. Die Schulen beklagen große Herausforderungen.

Am Donnerstagmorgen haben die Grundschulen erstmals Schnelltest in den Klassen durchgeführt, deren Lolli-Pool-Test am Abend zuvor positiv ausgefallen war. Alternativ konnten Eltern ihre Kinder in einem Schnelltestzentrum testen lassen. „Die erste Stunde war bei uns eine Freiarbeitsstunde. Man kann nicht zusätzlich Unterricht machen“, sagt Sabine Riffi, Leiterin der Grundschule Uhlandstraße. „Es ist sehr herausfordernd zurzeit und es herrscht sehr viel Unruhe in den Schulen und der Elternschaft“, berichtet die Schulleiterin, die auch Sprecherin der Solinger Grundschulen ist. Der hohe Verwaltungsaufwand im Rahmen der Corona-Maßnahmen sei für die Schulen kaum noch leistbar.

Das liege auch an den sich teils kurzfristig ändernden Vorgaben, wie zuletzt den Regeln für Testverfahren an Grund- und Förderschulen. Aufgrund der Überlastung der Labore bei der Auswertung von PCR-Tests hat das NRW-Schulministerium beschlossen, dass die Schülerinnen und Schüler Lolli-Tests künftig nur noch im Pool machen. Der zweite Test im Falle eines positiven Pools zur Identifizierung des infizierten Kindes solle durch einen Schnelltest ersetzt werden.

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„Die Schulmail kam am Dienstagabend, ich glaube um 22.30 Uhr“, sagt Riffi resigniert. Die Antigen-Schnelltests hätten einen deutlichen Nachteil gegenüber den PCR-Tests. „Dadurch, dass die Schnelltests weniger anschlagen, kamen wir jetzt bereits in die Situation, dass der Pool positiv war, aber dann in der Schule alle negativ sind.“ So sei es nicht immer möglich, das infizierte Kind zu identifizieren und zu isolieren. Das neue Testverfahren biete daher womöglich teilweise „nur eine Schein-Sicherheit“, so Riffi.

Das bemängelt auch die Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft (GEW) Solingen. Das neue Verfahren bringe einen „deutlich verringerten Infektionsschutz“ mit sich, schreibt GEW-Sprecher Dirk Bortmann in einer Mitteilung. Das Verfahren bedeute einen erheblichen Mehraufwand für Lehrkräfte, außerdem sei die Sorge bei allen Beteiligten nun größer, dass im Klassenraum ein infiziertes Kind sitzen könnte, das womöglich andere ansteckt. „Ein qualitativ besseres Testverfahren wird durch ein weniger gutes Testverfahren überprüft“, urteilt Bortmann. Kinder aus einem positiven Pool sollten seiner Ansicht nach die Schule erst betreten dürfen, wenn sie negativ getestet wurden. Zudem sei es gerade für jüngere Kinder schwierig, einen Selbsttest korrekt durchzuführen.

„Es ist und bleibt schleierhaft, warum es der Ministerin auch 22 Monate nach Pandemiebeginn nicht gelingt, die Schulleitungen vor der Öffentlichkeit zu informieren“, kritisiert der Verband Bildung und Erziehung (VBE) Solingen in einer Mitteilung. Vorsitzender Jens Merten sieht darin eine mangelnde Wertschätzung gegenüber dem Lehrpersonal. „Darüber hinaus fehlt mir persönlich jedes Verständnis dafür, dass die Überlastung der Labore jetzt wieder auf dem Rücken von Pädagoginnen und Pädagogen, Schulleitungen, Eltern und Kindern ausgetragen wird“, so Merten weiter. Er betont: „Schulen sind keine Testzentren und der Gesundheitsschutz muss Vorrang haben.“ Die Omikron-Welle habe sich angekündigt, das Land habe jedoch keine entsprechenden Vorkehrungen getroffen. Diese Kritik will der VBE auch in den Landtag einbringen. Dazu kam Merten am Mittwoch zu einem Krisengespräch mit der Solinger Landtagsabgeordneten Marina Dobbert zusammen, die Mitglied im Schulausschuss ist. „Die Entlastung der Labore darf für eine Schulministerin in meinen Augen nicht der wichtigste Punkt sein“, sagte Dobbert im Rahmen des Gesprächs.

Die Stadt Solingen reagiert auf die Sorgen der Schulen und Kitas. Am Donnerstag teilte sie in einer Mitteilung die Anpassung der Lolli-Tests in Grund- und Förderschulen an die Landesvorgaben mit. Darin heißt es, Eltern sollen ihre Kinder in einem Bürgertestzentrum testen lassen, wenn sie Teil eines positiven Pools sind. Auch Kinder, die derzeit noch auf die Labor-Auswertung eines Zweittests warten, können nun einen negativen Schnelltest vorlegen, um wieder in die Schule oder Kita zu gehen. In Förderschulen gelte nach den Landes-Regeln weiterhin, dass positive Pools mit einem PCR-Test bestätigt werden.

Sabine Riffi heißt es gut, dass die Stadt vorrangig auf Schnelltestzentren setzt. Der Aufwand in den Schulen sei ohnehin groß genug. „Schule ist aus Leitungssicht eigentlich fast nur noch Corona-Verwaltung“, sagt sie. Und Lehrer seien keine geschulten Test-Anleiter, sondern in erster Linie pädagogische Fachkräfte. „Es ist eine riesengroße Herausforderung. Wir sind dazu verpflichtet, es zu schaffen. Wir wollen ja auch, dass es den Kindern gut geht. Aber das ganze System steht auf immer wackligeren Füßen“, sagt Riffi.