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Solingen: Reisebranche ist doppelt getroffen

Interview Thomas Güthues : „Unsere Branche ist doppelt betroffen“

Der Teamleiter des Reisebüros Dahmen, Thomas, Güthues, spricht über den Neuanfang nach den Corona-Einschränkungen, über mögliche Reiseziele und den eigenen Kurzurlaub in Deutschland.

Seit Anfang April sind die ­DERPART Dahmen-Reisebüros geschlossen, die Beschäftigten in Kurzarbeit. Kontakte sind nur telefonisch oder per E-Mail möglich. Wann wird sich das ändern ?

Güthues Es hängt davon ab, wie sich die Nachfrage entwickelt. Wir betreuen derzeit vom Hofgarten, unserem größten Reisebüro, auch die Niederlassungen in Ohligs, Wald, Haan und Hilden. Vom 1. Juni bis Fronleichnam hatten wir beispielsweise nur 26 Neubuchungen, Umbuchungen nicht mit gerechnet. Die Umsätze sind also noch sehr gering. Wir sind aber optimistisch, dass wir bald wieder durchstarten können. Ich hoffe, dass wir ab Juli Termine nach Vereinbarung für eine persönliche Beratung vergeben können.

Auf einem Polster aus der Vergangenheit können Sie sich jedenfalls nicht ausruhen.

Güthues Das ist das Schwierige in unserer Branche: Wir sind doppelt betroffen. Alles, was wir seit Oktober 2019 für Abreisen zwischen April und Sommer 2020 gebucht hatten, musste storniert, respektive umgebucht werden. Und neue Buchungen kommen derzeit noch verhalten rein.

Gerade hat die Bundesregierung Reisewarnungen für 160 Nicht-EU-Länder bis Ende August verlängert.

Güthues Jetzt am Anfang nach den Lockerungen wird die Nachfrage eher im Inland oder benachbarten Ausland vorhanden sein. Danach wird es davon abhängen, was die Leistungsträger wie Airlines und Hotels zur Verfügung stellen können. Grundsätzlich wird vermutlich der Wunsch zu verreisen vorhanden sein! Es werden sich in den nächsten Wochen und Monaten sicherlich viele neue Möglichkeiten ergeben, diesen Wunsch zu erfüllen, und da wollen wir unseren Kunden dann wieder wie gewohnt zur Verfügung stehen.

Wäre „Bleibe zu Hause und nähre dich redlich“ jetzt der richtige Spruch, was Reiseziele angeht?

Güthues Für die bevorstehenden Sommerferien ist zu erwarten, dass Ziele in Deutschland sehr stark gefragt sind. Die Fernziele frühestens wieder im Herbst oder Winter 20/21. Aktuell ist die Nachfrage bei kurzfristigen Reisen primär Richtung Nord- und Ostsee sowie in die Berge festzustellen. Die Balearen und ein paar Ziele im östlichen Mittelmeer werden zeitnah folgen.

Haben in Mallorca nicht nur die eine Chance, die schon vor Corona gebucht hatten?

Güthues Wenn man zeitlich ein wenig flexibel ist, wird man sicher auch noch kurzfristig Möglichkeit finden. Auf den Schwesterinseln Ibiza und Menorca sind die Kontingente derzeit noch deutlich geringer.

Sie werben in Ihrem Reisebüro mit großen Bildern für Kreuzfahrten. Ist das momentan nur Illusion?

Güthues Die Hochseereisen starten voraussichtlich frühestens im August. Das hängt unter anderem davon ab, ob die Schiffe wieder so schnell mit den Crews ausgestattet sind und welche Häfen angelaufen werden können. Daran wird derzeit mit Hochdruck gearbeitet. Meiner Meinung nach wird erst Richtung Jahreswechsel wieder das volle Angebot präsent werden können.

Was ist mit Flusskreuzfahrten?

Güthues Die Flussreisen haben kürzlich schon wieder begonnen. Das Bordleben wird an die Corona-Auflagen angepasst. Es gibt beispielsweise zwei Essenssitzungen und einiges mehr. Grundsätzlich ist diese Reiseart eine schöne Möglichkeit, sich zu entschleunigen.

Was empfehlen Sie mir, wenn ich Menschenmengen lieber aus dem Weg gehen will?

Güthues Da gibt es viele Möglichkeiten. Angefangen von Ferienwohnungen, Ferienhäusern und Bootsferien bis zu Wanderreisen im kleinen Kreis. Nicht zuletzt durch Corona hat sich eine Nachfrage entwickelt nach Radreisen, die wir auch gerne vermitteln. Das geht mit oder ohne Gepäckbeförderung, in einer kleinen Gruppe oder auch individuell. Etwa auf dem Weser- oder Elberadweg ist das völlig unproblematisch, beim „Klassiker“ Donauradweg ist die Anreise von hier nach Passau etwas weiter. Man kann eine Gourmet-Reise buchen oder die sportliche Variante wählen.

Wie stark halten sich die Kunden noch bei Bahn- oder Busfahrten zurück?

Güthues Tickets für Busse und Bahnen verkaufen wir seit einigen Jahren nicht mehr. Aber natürlich können wir Städte- und Rundreisen mit dem Bus und der Bahn vermitteln. Bisher ist die Nachfrage aber noch sehr gering. Gerade die älteren Kunden sind noch etwas zurückhaltend.

Wird mein Urlaub jetzt teurer oder billiger durch die Corona-Krise?

Güthues Ziele wie Sylt, Rügen und Usedom sind Selbstläufer. Bei ihnen haben sich die Reisepreise zwar nicht spürbar erhöht, man wird es aber vielleicht vor Ort merken. Andere Ziele, die keine exponierte Lage haben, versuchen es über den günstigeren Preis.

Bin ich in Zeiten steigender Arbeitslosigkeit und Kurzarbeit nicht auch versucht, ohne Reisebüro ans Ziel zu kommen?

Güthues Letztlich entscheidet der Kunde, welchen Buchungsweg er bevorzugt. Wir bieten den Vorteil einer persönlichen Beratung vor Ort, stehen mit qualifiziertem Fachpersonal mit sehr guten Zielgebiets-Kenntnissen zur Verfügung und finden über eine ausführliche Bedarfsermittlung das passende Angebot. Dem Kunden stehen wir dann auch für Zusatzleistungen wie Sitzplatz-Reservierungen, Visa-Besorgungen und vieles mehr zur Verfügung. Also wenn man so will: ein „ Rundum-Sorglos-Service“!

Haben Sie in Ihrem Berufsleben schon einmal etwas Ähnliches wie die Corona-Krise erlebt?

Güthues Ich komme jetzt auf 47 Berufsjahre, aber in dieser Form habe ich es noch nie erlebt – trotz all der bisherigen Einschnitte etwa durch den Irak-Krieg, den Vulkanausbruch auf Island, Nine/Eleven, die Insolvenz von Air Berlin und letztlich Thomas Cook.

Machen Sie in Corona-Zeiten selbst Urlaub?

Güthues Meine Frau und ich fahren jetzt für eine Woche mit dem Pkw nach Ostfriesland. Es war gar nicht leicht, kurzfristig noch eine Unterkunft zu finden. Und wir dürfen leider noch keine Tagestouren auf die Inseln oder beispielsweise Wattwanderungen zu ihnen unternehmen.