Solingen: Polizei kämpft gegen Überstunden-Berg

Personalmangel in Solingen – trotz Neueinstellungen : Polizei kämpft gegen Überstunden-Berg

Obwohl das Land verstärkt junge Beamte ausbildet, ist die Arbeitsbelastung in den Kommissariaten und in den Streifenwagen weiter hoch. Polizisten klagen über zu viel Bürokratie und zu wenig Wertschätzung.

Den Verantwortlichen war das freudige Ereignis einmal mehr einen Festakt wert. Zu Beginn dieser Woche wurden im Bergischen Land – wie überall im Land und wie in jedem Jahr Anfang September – wieder neue Polizisten begrüßt. So verrichten seit Montag insgesamt 29 zusätzliche Beamtinnen und Beamte, die erst vor kurzem ihre Polizeiausbildung abgeschlossen haben, in Solingen ihren Dienst am Bürger sowie an der Allgemeinheit.

Doch erfahrungsgemäß dürfte der Reiz des Neuen bei den sogenannten Frischlingen schon in absehbarer Zeit verflogen sein. Denn ungeachtet der personellen Ergänzung schleppt die Polizei nach wie vor einen Berg von Problemen mit sich herum, vor dem früher oder später auch die Nachwuchsbeamten stehen werden. Darauf haben nun noch einmal die Gewerkschaft der Polizei (GdP) sowie die Deutsche Polizeigewerkschaft (DPolG) aufmerksam gemacht.

„Im Durchschnitt entfallen auf jeden einzelnen Polizisten zwischen 100 und 150 Überstunden“, sagte der stellvertretende Vorsitzende der GdP im Bergischen Land, Björn Lüdtke, am Dienstag auf Anfrage. Zwar gebe es zwischen den einzelnen Beamten große Unterschiede. Aber prinzipiell sei die Belastung im Dienst weiterhin hoch, betonte Lüdtke. Auf Basis der Überstunden bilanzierte er, dass allein in Solingen momentan bis zu 20 Polizisten fehlen.

Besonders betroffen sind die Kolleginnen und Kollegen der Hundertschaft. Diese Beamten werden bei Großveranstaltungen eingesetzt – wie etwa jener am zurückliegenden Freitag, als auf dem Neumarkt in der Innenstadt gleich zwei Demonstrationen stattfanden. Wobei sich die Einsatzorte der Hundertschaft im auch für die Klingenstadt zuständigen Polizeipräsidium Wuppertal keineswegs auf die Region selbst beschränken.

„Es gibt Einsätze in ganz NRW und darüber hinaus bundesweit“, schilderte der Vorsitzende der Deutschen Polizeigewerkschaft, Michael Wenz, der überdies weitere Beschwernisse im Arbeitsalltag der Kollegen beklagte. So warteten auf Streifenwagen-Besatzungen zum Beispiel nach dem Ende der Nachtschichten um 6 Uhr morgens häufig noch drei Stunden Schreibtischarbeit, berichtete der DPolG-Vertreter unserer Redaktion.

Um diese Mehrbelastungen zumindest sukzessive zu reduzieren, werden augenblicklich verstärkt Angestellte eingestellt, die die Beamten bei solchen „Backoffice“-Arbeiten entlasten sollen. Parallel fallen an anderen Stellen aber zusätzliche Aufgaben an. So wird im bergischen Polizeipräsidium zurzeit eine neue Festnahme-Einheit aufgebaut, die genauso Personal beziehungsweise Zeit bindet wie Versetzungen zu Landesbehörden oder die aktuell laufende Einführung eines modernen „Vorgangsbewältigungssystems“.

Ziel dieses Programms ist es, das Arbeiten am Computer zu vereinfachen. Allerdings führt die neue Technik dem Vernehmen nach bislang eher zu Mehrarbeit. Weswegen Insider davon ausgehen, dass am Ende die Zahl der Überstunden – zumindest phasenweise – sogar noch einmal nach oben gehen könnte.

Was alles in allem eine schlechte Nachricht wäre, steigen parallel doch auch die eigentlichen Polizeiaufgaben. Jedenfalls hat der Umfang der Arbeit in den vergangenen Jahren zugenommen, während die Akzeptanz für die Beamten zeitgleich sinkt. So beklagen die Polizei-Gewerkschaften eine oftmals fehlende gesellschaftliche Wertschätzung. Und das gelte sowohl für die Bürger, als auch für die Politik, sagte DPolG-Chef Wenz.

Tatsächlich könnte diese Entwicklung über kurz oder lang durchaus Auswirkungen auf die Nachwuchsgewinnung haben. Zwar gehen Experten davon aus, dass die Zahl der Polizisten in den nächsten Jahren in ganz NRW steigen wird. Indes ist bereits heute ein Trend zu beobachten, wonach längst nicht mehr jeder neue Polizeischüler am Ende auch im alltäglichen Dienst ankommen wird.

Denn obwohl sich pro Jahr auf rund 2300 Stellen landesweit 8000 Bewerber melden und dadurch eine Vorauswahl getroffen werden kann, bleiben erfahrungsgemäß über zehn Prozent im Laufe der Ausbildung auf der Strecke. Die Gründe hierfür sind vielschichtig. So fallen manche – im Gegensatz zu den 29 neuen Polizisten, die nun in Solingen angefangen haben – durch die Abschlussprüfungen, derweil andere gar nicht erst so lange durchhalten. Was wiederum damit zusammenhängt, dass einige Polizeianwärter lediglich die Wartezeit bis zum Beginn eines Studiums überbrücken wollen. Der Vorteil dabei: Im Gegensatz zu Aushilfsjobs gibt es für die Polizei-Azubis ein richtiges Gehalt.

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