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Solingen: „Panzerfaust-Bande“ – Fall landet wieder vor Gericht

Überfall in Solingen : „Panzerfaust-Bande“ – Fall landet wieder vor Gericht

Es geht am Hagener Landgericht vor allem um eines: Wann öffnen sich für Joachim R., einen der Hauptangeklagten, die Türen in die Freiheit?

Begonnen hatte die Überfall-Serie am 21. Juni 1997 auf dem Hinterhof eines Supermarktes. Die Fahrer des Geldtransporters wurden mit Maschinengewehren und einer Panzerfaust-Attrappe bedroht und aufgefordert, sich vor dem Auto auf den Boden zu legen. Mit 1,2 Millionen D-Mark brausten die Räuber davon. Es folgten weitere Überfälle, bei denen es auch Verletzte und psychisch schwer traumatisierte Opfer gegeben hatte.

Beliebtes Ziel der Täter: Sparkassenfilialen. Dort passte man nach bewährtem Muster die Ankunft der Geldtransporter ab. In Solingen hingegen schlug man auf einem abgelegenen Parkplatz zu, an dem der Beifahrer des Transporters eine „Pinkelpause“ gemacht hatte. Einer der Täter hatte die Örtlichkeiten zuvor ausspioniert und ein Loch in den Drahtzaun eines angrenzenden Grundstücks geschnitten, von wo aus man den Überfall startete.

Plötzlich die Täter mit Sturmgewehren vor Augen, floh dar Mitarbeiter der Transportfirma in Richtung Hossenhauser Straße, wo er von einem herannahenden Fahrzeug erfasst und auf den Gehweg geschleudert worden war. Gegen ihn wurde später wegen des Verdachts auf Mittäterschaft ein Strafverfahren eingeleitet.

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Dem Fahrer des Geldtransporters war die Flucht gelungen, nachdem einer der Täter noch vergebens versucht hatte, in das Innere des Transporters zu gelangen. Nachdem er wieder aus dem Auto gesprungen war, hatte er mehrere Schüsse abgegeben, die teilweise in die Wände umliegender Wohnhäuser eingeschlagen waren.

Im Juni 2018 begann der Prozess, neun Monate später die Urteilsverkündung: Die Kammer verhängte Freiheitsstrafen von 2 bis 14 Jahren, die sechs Angeklagten sollen über 20 Jahre hinweg mehr als fünf Millionen Euro erbeutet haben. Einer der Hauptangeklagten: der mittlerweile 56-jährige Joachim R., verurteilt zu 13 Jahren und sechs Monaten Haft mit anschließender Sicherungsverwahrung. Sein Verteidiger hatte Revision beantragt, der Bundesgerichtshof (BGH) hat die Sicherungsverwahrung „kassiert“ und die Sache ans Hagener Landgericht zurückverwiesen.

Nun wird dort erneut verhandelt und es geht vor allem um eines: Wann öffnen sich für den Angeklagten die Türen in die Freiheit? Schon nach der Zweidrittelstrafe, bei guter Führung? Das wäre bestenfalls nach neun Jahren Haft, vier davon hat Joachim R. abgesessen. Oder erst dann, wenn jemand sagt, dass er aus der Sicherungsverwahrung entlassen werden kann? Das könnte auch schon mal 25 Jahre oder länger dauern. 

Nicht nur der Angeklagte selbst erwartet im Prozess vor dem Hagener Landgericht eine Antwort auf diese Fragen. Sondern auch diejenigen, die der 56-Jährige als Mitglied der „Panzerfaust-Bande“ in Angst und Schrecken versetzt hat. Drei Verhandlungstage hat das Gericht angesetzt um festzustellen, ob die verhängte Sicherungsverwahrung angemessen war.

Schaut man als Laie auf die lange Liste krimineller Verfehlungen, stünde die Antwort wohl schnell fest. So leicht darf es sich ein Gericht aber nicht machen, auch gegenüber einem solchen Angeklagten gilt die juristische Fürsorgepflicht. Nun also dürften die Überfälle erneut auf der Agenda stehen, um darüber urteilen zu können, welche Gefahr vom Angeklagten zukünftig noch ausgeht. Vor allem aber wird es der psychiatrische Gutachter sein, von dem sich die Kammer eine Urteilsgrundlage erhofft. Er soll am 24. November gehört werden.