Anklage wegen Kindesmisshandlung „Kind hat schlimmes Leid erfahren“

Wuppertal/Solingen · Das Landgericht hat einen 40-jährigen Solinger zu vier Jahren Haft verurteilt. Das Gericht sah es als erwiesen an, dass er 2017 ein siebenjähriges Kind schwer misshandelt hatte.

Er soll den Kopf des Jungen in einer Schranktüre eingeklemmt haben. Nachts soll er den damals Siebenjährigen stundenlang an ein Geländer gefesselt haben. Schläge mit Gürtel und Zollstock, „Kopfspülungen“ in der Toilette, den eigenen Urin trinken: Was die Anklage einem mittlerweile 40-jährigen Solinger vorgeworfen hatte, war schon beim bloßen Zuhören nur schwer zu ertragen.

Minutenlang hatte die Staatsanwältin zum Prozessbeginn im August einen Tatvorwurf an den nächsten gereiht. Nun wurde am Wuppertaler Landgericht das Urteil verkündet: Der Stiefvater des Jungen muss vier Jahre in Haft. Die Kammer sei nach der Beweisaufnahme davon überzeugt, dass sich die Übergriffe größtenteils so zugetragen haben, wie vom Opfer geschildert. „Das Kind hat schlimmes Leid erfahren“, so die Vorsitzende Richterin der Jugendschutzkammer in der Urteilsbegründung.

Am ersten Prozesstag hatte das Gericht einen sich selbst bemitleidenden Angeklagten erlebt. Der 40-Jährige soll in 2017 den Sohn seiner Lebensgefährtin schwer misshandelt haben, der damals Siebenjährige hatte ein Martyrium zu erleiden. Der Angeklagte selbst war derweilen in Tränen ausgebrochen, als er dem Gericht eine Situation schilderte, inmitten derer der Stiefsohn zu ihm gesagt haben soll, dass er nicht sein Papa sei und das er ihm gar nichts zu sagen habe.

Dann habe er den Gürtel gesehen und zugeschlagen. Alles andere? Aus Sicht des Angeklagten der blühenden Fantasie eines Kindes geschuldet.

Der verhaltensauffällige Junge war derweil einer aufmerksamen Klassenlehrerin aufgefallen, die in ihrer Zeugenvernehmung sagte: „Uns kam das alles komisch vor.“ Gemeint war damit das „blaue Auge“, von dem der Junge anfangs sagte, dass er sich auf dem Spielplatz verletzt habe. Als man die Mutter informieren wollte, habe der Siebenjährige bitterlich geweint und gebettelt, das keinesfalls zu tun. Er habe Angst vor deren Lebensgefährten, der würde ihn schlagen - und auch das „blaue Auge“ habe er ihm zu verdanken. In der Schule lief es fortan so, wie es laufen sollte: Die Schulsozialarbeiterin wurde hinzugezogen, die Schulleitung wusste Bescheid und schnell kam auch die städtische Kinderschutzbeauftragte mit ins Boot. Gemeinsam entschied man, das Jugendamt zu informieren und dort wiederum tat man etwas, das als Ultima Ratio gilt: Der Siebenjährige wurde aus der Familie heraus in Obhut genommen.

Im familiären Umfeld des Kindes scheint man hingegen vor allem eines getan zu haben: Es wurde weggeschaut.

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