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Solingen: KfW-Award für ehemalige Cartonnagen-Fabrik

Auszeichnung für Umbau-Projekt in Solingen : Nicht von Pappe: die Cartonnagen-Fabrik

Das Objekt an der Melbeckstraße in Solingen wird nach einem aufwändigen Umbau mit dem kfW-Award Bauen 2020 ausgezeichnet. Wohnen, wo früher gearbeitet wurde.

„Es kam etwas überraschend“, sagt Dr. Reinhard Maaß. Aber gefreut hat sich der Diplom-Kaufmann natürlich über die Auszeichnung beim KfW-Award Bauen 2020. Und Stolz ist auch da: In der Kategorie der Bestandsbauten zeichnete die Jury die gekonnte Wiederbelebung eines kombinierten Wohn- und Fabrikgebäudes mit dem dritten Preis aus. Das Vorderhaus mit im Hof angrenzenden Produktionsräumen steht seit 1898 an der Melbeckstraße am Rand der Solinger City. „Die Gebäude dort gehörten unserer Familie“, erläutert Maaß, der früher am Merscheider Busch die Geschäfte der Weck Verpackungs- und Werbedruck GmbH führte.

Auch an der Melbeckstraße ging es zunächst um Kartonagen – was dem modernisierten Haus seinen neuen Namen einbrachte – und um sogenannte Messerbeutel. Nach der „Cartonnagen“-Zeit stellte eine Druckerei ihre Maschinen auf. Vom alten Glanz war aber nichts mehr übrig, als Maaß 2015 das Ensemble – wie zuvor ein benachbartes Gebäude – verkaufen wollte. „Es hat sich niemand herangetraut“, berichtet der heute 71-Jährige. Nach dem Abriss einiger Aufbauten habe alles „ein bisschen ruinenmäßig“ ausgesehen. „Da habe ich mir selbst einen Ruck gegeben.“

Es wurde eine „anstrengende Geschichte“: Dreieinhalb Jahre lang dauerte der Umbau. Maaß: „Ich habe bis zur Vermietung der neu geschaffenen Wohnungen Anfang 2019 sehr viel Herzblut hineingesteckt. Ich war täglich am Bau.“ Die Modernisierung wurde zur Bewährungsprobe für Maaß‘ Schwiegersohn Sebastian Quiel. Der angehende Architekt gründete mit seinem Freund Eugenio D Catalano in Köln ein Architekturbüro, in dem sie ihr Konzept für sieben Wohnungen und Lofts mit Größen von 50 bis 137 Quadratmetern entwickelten.

Der Blick in den Flur und das neu gestaltete Treppenhaus. Foto: Claus Morgenstern

„Zu den Hauptproblemen zählten die Nutzungsänderung und die sehr hohen Auflagen beispielsweise für den Brandschutz“, erinnert sich Reinhard Maaß. „Es wurde alles so umgebaut, dass die Wohnungen praktisch Neubaustandard haben.“ Von der alten Substanz, den 50 Zentimeter dicken Ziegelwänden, den Holzbalkendecken, den gusseisernen Stützen und den Verzierungen aus Stuck wurde so viel als eben möglich erhalten. „Das Grundprinzip war, es auf die wesentlichen Dinge zu reduzieren“, kommentiert Sebastian Quiel.

Hell und offen wurden die Wohnungen im ehemaligen Fabriktrakt, die zum Teil Böden aus geschliffenem Gussasphalt haben. Im Vorderhaus entstand unter anderem eine Maisonettewohnung mit offener Wohn-/Schlafgalerie unterm Dach. Neu sind das außen angebaute Treppenhaus für den Zugang von der Kirschbaumer Straße und die großzügigen Balkone, die den zweiten Rettungsweg bilden.

Die Macher des Umbau-Projekts: die Architekten Eugenio Catalano (l.) und Sebastian Quiel sowie Bauherr Reinhard Maaß. Foto: Claus Morgenstern

Den neuen Mietern gefiel auch die Nähe zum Stadtkern, zum Südpark und zur S-Bahn. „Es kamen Leute aus der Großstadt“, sagt Reinhard Maaß. Es habe sogar Interessenten aus Berlin gegeben, die gerne die für Solingen relativ hohen, im Vergleich mit Köln und Düsseldorf aber moderaten Mieten für die Loftwohnungen zahlten. Sicher mit ein Grund, dass Maaß schnell ein Kaufangebot für die „Alte Cartonnagenfabrik“ erhielt: Seit November 2019 gehört sie einem Kölner Architekten.

Sebastian Quiel und Eugenio D Catalano verwirklichten nach ihren Solinger Erfahrungen noch weitere ähnliche Projekte. Catalano, der zudem an der Technischen Hochschule in Köln Architektur lehrt, sensibilisiert dort auch seine Studenten für vor dem Abriss stehende Bausubstanz oder Baukultur, die die Identität einer Stadt prägen.