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Solingen: Jürgen Dost ist Autor der Wilkinson-Firmenchronik

Wilkinson-Firmenchronik : „Das war der Geniestreich überhaupt“

Der Autor der Wilkinson-Firmenchronik spricht über die Entwicklung des traditionsreichen Erfolgsmodells Protector.

Sie waren unter anderem auch viereinhalb Jahre für CRH in Merscheid und Ohligs tätig. Warum haben Sie sich entschieden, über Wilkinson zu schreiben?

Dost Ich habe früher oft gedacht, dass Wilkinson eine Company ist, für die ich gerne arbeiten würde. In den 13 Jahren, in denen ich dann für Wilkinson tätig war, habe ich das Unternehmen noch mehr zu schätzen gelernt: Trotz der vielen Eigentümerwechsel war man immer selbstbewusst und erfolgreich. Ein Sitzgestell von Hammerstein ist auch eine technologische Meisterleistung, aber für den Nutzer ein im Auto verborgenes Teil; Wilkinson-Produkte sind dagegen viel an- und erfassbarer und damit auch emotional interessant. Und vor allem: Über Wilkinson in Solingen ist bisher noch nichts geschrieben worden. Geschäftsführer Michael Gruszien hat im Lauf der Jahre viel Material gesammelt und mich so auf die Idee gebracht.

Wie wurde das Buch aufgenommen, für das Sie rund ein Jahr lang recherchiert und viele Gespräche geführt haben?

Dost Ich habe viele positive Rückmeldungen bekommen, besonders von einigen der rund 300 Rentner, denen wir den Band geschickt haben. Die freuten sich, von ihnen selbst erlebte und mitgestaltete Zeiten jetzt noch einmal nacherleben zu können.

Apropos emotionales Produkt: Das Kapitel über die Entwicklung des sehr erfolgreichen Modells Protector Anfang der 1990er Jahre liest sich wie ein Krimi. Wie hält man eine derartige Entwicklung geheim?

Dost Das war der Geniestreich überhaupt, der tief in der DNA des Unternehmens verankert ist. Konkurrent Gillette und die Hausbank von Gillette hatten damals hohe Anteile an der Wilkinson-Muttergesellschaft Eemland Holding. Es waren im Wesentlichen drei Dinge, die den Erfolg ermöglichten: Erstens wurde nichts an der Schützenstraße gemacht, sondern auf selbst entwickelten Maschinen in angemieteten Hallen an der Lüneschlossstraße. Für sie hatte nur ein Mitarbeiter den Schlüssel. Zweitens handelte es sich um ein kleines, eingeschworenes Team. Drittens war damals das Controllingsystem nicht so weit fortgeschritten und global transparent wie heute. Ich vermute, dass relativ kreative Deklarationen von Ausgaben stattfinden mussten.

Den damaligen Wilkinson-Geschäftsführer hat die Geheimhaltung wegen „Kompetenzüberschreitung“ seine Stelle gekostet.

Dost Das ist aus der Perspektive Wilkinsons eine harte und bedauerliche Entscheidung gewesen. Von der Eigentümerseite her – und hier besonders dem dominanten Gillette-Anteil – kann ich das gut nachvollziehen. Das war ein ganz klarer Schlag gegen Gillette. Der Geschäftsführer hat Großartiges für die Firma geleistet, aber Gillette „vors Schienbein getreten“.

Wie steht der Solinger Standort von Wilkinson heute da?

Dost Wilkinson ist auf einem guten Weg. Das Unternehmen ist stark aufgestellt.

Wie sicher ist es, dass sich eine Verlagerung von Arbeitsplätzen – wie zuletzt nach Teplice in Tschechien – nicht wiederholt? 2017/18 gingen 114 Stellen verloren.

Dost So etwas kann man nie vorhersagen, wenn man seriös bleiben will. Momentan gibt es aber keine dunklen Wolken. Ich glaube, dass in der gesamten Wirtschaft die Lieferketten überdacht werden – speziell in Corona-Zeiten. Der Konzern Edgewell hat schon vor geraumer Zeit entschieden, marktnäher zu produzieren. Für das Modell Hydro heißt das beispielsweise, dass Klingen für den europäischen Markt, die bisher in China assembliert werden, in Solingen montiert werden. Durch die Schließung des Werks im israelischen Nazareth sind bereits neue Stellen an der Schützenstraße im Bereich der Schneidenfertigung entstanden. Dies sind Entwicklungen, von denen das Werk in Solingen profitiert. Ebenso ist im Konzern unser hohes Niveau an technischem Know-how bekannt und begehrt.

Sie haben für einige Unternehmen gearbeitet, die amerikanische Besitzer hatten oder bekamen. Wie unterschiedlich sind die Kulturen?

Dost Ich kann mich am häufig gehörten Bashing amerikanischer Unternehmen nicht beteiligen. Die Vorliebe für Zahlen und das ständige Reporting sind Elemente, mit denen man klarkommen kann und die ja auch wirtschaftlich sinnvoll sind. Das soziale Miteinander ist anders: Die Amerikaner sind immer über unsere schroffe Direktheit erschrocken. Die amerikanische Kultur ist hier anders; vielleicht drücken sie manches etwas diplomatischer als wir „Polterköpfe“ aus. Und Edgewell als Mutterkonzern Wilkinsons ist ein amerikanisches Unternehmen, das auch nationale Konturen und Mentalitäten erlaubt und respektiert.

Sie haben den passiven Teil der Altersteilzeit erreicht und gehen 2021 in den Ruhestand. Legen Sie dann die Füße hoch?

Dost Mein Ziel war immer, nicht von hundert auf null zu gehen. Ich möchte als Berater und Trainer für Menschen tätig werden, die ihren Führerschein wiedererlangen wollen, und nehme deshalb an einer entsprechenden verkehrspsychologischen Fortbildung für Diplom-Psychologen teil. Ich besuche als Gasthörer die Universität in Wuppertal und bin unter anderem auch als ehrenamtlicher Richter am Arbeitsgericht, im Vorstandsrat des Arbeitgeberverbands und im Aufsichtsrat des PTV im Einsatz – alles ehrenamtlich. Mir wird nicht langweilig werden!